Die Tavernen im Tiefen Thal – Freibier für Brettspieler

Die Tavernen im Tiefen Thal – Freibier für Brettspieler

Die Tavernen im Tiefen Thal Brettspiel CoverBeinahe wäre die Kellnerin über den am Boden liegenden Flohteppich gestolpert. Wer hat denn die Tür aufgelassen, so dass der Hund hier rein konnte? Wenn ich mich nicht um alles kümmern würde, wäre die Taverne schon längst den Bach runtergegangen. Oh nein, der Strickkreis kommt rein. Das kann doch nicht wahr sein, die werden sich die letzten Tische schnappen und kaum Geld für Getränke ausgeben. Dabei brauch ich doch jeden Taler! Der Umbau vom Bierkeller muss nämlich finanziert werden.

Na klar, jetzt wo der Stickkreis die letzten Plätze belegt hat, kommen natürlich auch noch die Adligen deren Münzen müssen in meinen Beutel wandern! Ich schau mal ob ich den Tisch da drüben geräumt bekomme, die Tagelöhner waren jetzt lang genung in meiner Taverne im Tiefen Thal.

Die Tavernen im Tiefen Thal ist, wie die Quacksalber von Quedlingburg, ein weiteres Brettspiel von Wolfgang Warsch, welches bei Schmidt Spiele erschienen ist. Diesmal schlüpfen wir in die Rolle eines Kneipenwirtes und versuchen, unsere Taverne in Schwung zu bringen. Wir bauen dazu unsere Taverne aus und locken mit Freibier immer zahlungskräftigere Kunden in der Hoffnung an, dass sie ihr Geld bei uns lassen und wir damit die erfolgreichsten Tavernenbesitzer im tiefen Thal werden. Wie sich das Brettspiel dabei schlägt, lest ihr in unserer Review zum Spiel.

Die Tavernen im Tiefen Thal öffnen ihre Türen

“Wer nichts wird, der wird Wirt” – bevor ich diesen Lebensschritt gehe, wäre es vielleicht sinnvoller, das erst einmal auszuprobieren. Wie gut, dass ich das bei den Tavernen im Tiefen Thal ohne Risiko tun kann. Und nach ein paar Partien stelle ich ganz schnell fest, dass das Leben als Wirt ziemlich glückslastig ist. An einem Abend kommen genug Gäste mit prall gefüllten Geldbörsen vorbei, an anderen Tagen allerdings nur die Tagelöhner, die ihren letzten Taler bei mir ausgeben wollen.

Wer in meiner Taverne erscheint, wird dabei über ein Kartendeck gesteuert. Immerhin wird Die Tavernen im Tiefen Thal auch als Deckbuilder beschrieben, also müssen irgendwo Karten im Spiel sein. Um also Gäste in eure Taverne zu locken, zieht jeder Spieler aus seinem persönlichen Deck so lange Karten nach, bis alle Tische in seiner Taverne besetzt sind. Am Anfang startet ihr mit drei Tischen, könnt aber im Laufe des Spieles weitere hinzukaufen. Zieht ihr andere Karten als Gäste, blockiert euch das nicht. Im Gegenteil: Das ist sogar sehr gut, denn diese Sonderkarten bringen euch spielerische Vorteile.

Da gibt es zum Beispiel den Bierlieferanten, der euch mehr Bier zur Verfügung stellt, welches ihr dann wiederum nutzen könnt, um damit neue Kunden (Karten) anzuwerben. Oder es gibt die Kellnerin, die euch in der späteren Würfelphase einen zusätzlichen Würfel zukommen lässt.

Nach dem Ziehen der Karten kommt das Dice-Drafting. Insgesamt stehen euch 4 Würfel zur Verfügung, plus maximal 3 Würfel, wenn ihr über die entsprechende Anzahl an Kellnerinnen verfügt. Jedenfalls sucht ihr aus den 4 Würfeln einen aus und gebt den Rest an euren Nachbarn weiter. Das wiederholt sich so lange bis alle Würfel verteilt wurden.

Die Tavernen im Tiefen Thal Brettspiel Kneipe

Würfel in der Taverne

Doch wozu braucht es die Würfel eigentlich? Hier kommt die Verschränkung von Karten- und Würfelmechanismen ins Spiel. Die Würfel braucht ihr, um die zuvor gezogenen Karten zu aktivieren. So sitzen eure Gäste zwar an euren Tischen, werden aber nur Geld abwerfen, wenn ihr ihnen auch einen Würfel zuweist. Und auch der Bierlieferant winkt mit potentiellen neuen Bierfässern, wird diese aber erst liefern, wenn ihr ihm eine 1 oder 6 zuweist.

Dabei wird in eurer Taverne passend gezahlt. Wenn ein Gast eine 4 verlangt, dann müsst ihr auch eine 4 liefern. Ein Überbezahlen ist nicht möglich. Nach dem Verteilen der Würfel geht es nun darum, die beiden Ressourcen Bier und Geld sinnvoll einzusetzen. Mit dem Geld kauft ihr euch neue Sachen für eure Taverne im Tiefen Thal. Entweder kauft ihr euch fixe Ausbauten, die eure Taverne aufwerten oder ihr kauft euch neue Karten für euer Deck, die dann beim Nachziehen einen Vorteil geben.

Mit der Ressource Bier werbt ihr nur neue Gäste an. Diese liegen in einer offenen Auslage bereit. Ein Teil der Auslage ist dabei zufallsgesteuert und wird immer wieder vom Nachziehstapel aufgefrischt. Aber es gibt auch Deck-Building typisch Standardkarten, die immer zur Verfügung stehen, euer Deck aber nicht ganz so stark aufwerten wie die Zufalls-Karten.

Das Ziehen von Karten, Draften von Würfeln und Ausbauen der Taverne wiederholt ihr nun insgesamt achtmal. Nach der achten Runde ist Schluß und ihr schaut nach, wer die meisten Siegpunkte hat. Die gibt es für Ausbauten und Gäste in eurem Deck. Besonders wertvoll sind dabei die Adligen, die ihr gerade zum Ende des Spieles versucht zu bekommen.

Die Tavernen im Tiefen Thal Brettspiel Karten

Zu Tisch in der Taverne

Schwer sind die Tavernen in Tiefen Thal nicht. Besonders da ihr die Schwierigkeit individuell anpassen könnt. Das Brettspiel besteht aus insgesamt 5 Modulen, die aufeinander aufbauen, um das Spiel immer anspruchsvoller und komplexer zu machen. Wobei Modul 1 das eigentliche Grundspiel ist und die anderen 4 Module das Spiel erweitern. Für den geneigten Viel- und Kennerspieler wird gleich vorgeschlagen, mit Modul 1, 2 und 3 zu starten. Doch unterm Strich ändert sich nichts am Grundmechanismus, vielmehr kommen durch die einzelnen Module eben nur andere Optionen ins Spiel.

Doch wie fühlt es sich nun an, ein Wirt zu sein? Ich persönlich fühle mich in einer Zwickmühle gefangen. Es gibt viele Elemente, die ich an dem Spiel mag, aber es gibt eben auch die Elemente, die ich nicht mag. Vorweg sei noch angemerkt, dass ich kein großer Fan von den Quacksalbern von Quedlinburg bin, dem großen Spiel von Wolfgang Warsch aus dem Jahr 2018.

Kommen wir aber erst einmal zu den positiven Dingen. Ich mag es wie die Spielmaterialen gestaltet sind. Da ist zum Beispiel Tableau, was ich im Laufe der Zeit wirklich ausbaue. Die Gestaltung von Dennis Lohausen ist exzellent und ich entdecke immer wieder kleine Gimmicks auf den gesamten Spielmaterialen.

Dazu kommt noch einer meiner Lieblingsmechanismen: der Deckbau. Dieser gepaart mit dem neuen Dice-Drafting macht Spaß und konnte mich immer wieder an den Tisch fesseln. Ich konnte mich mit viel Freude in der Taverne austoben und gerade am Anfang neue Strategien ausprobieren, um so an die begehrten Punkte zu kommen. Apropos Punkte – Die sind hier recht simpel aufgebaut. Im Grunde zähle ich nur den Wert der Karten in meinem Deck und das wars.

Auch der Mechanismus, dass ich neue Karten nicht erst auf den Ablagestabel lege, sondern gezielt auf den Nachziehstapel lege, gefällt mir sehr gut und fühlt sich frisch und unverbraucht an.

Die Tavernen im Tiefen Thal Brettspiel Würfel

Dunkle Wolken im Tiefen Thal

Leider verliert das Spiel nach einigen Partien seinen Schwung, da helfen auch die vielen Module nicht weiter. Ich versuche in jeder Runde in der ich dran bin, soviel Zusatzkarten wie möglich auf meinen Nachziehstapel zu packen, am besten Stühle, um so recht viele Karten vom Nachziehstapel ziehen zu können. Doch das reicht mir irgendwann einfach nicht mehr.

Dazu gibt es kaum Möglichkeiten sein Deck zu verschlanken. In einer Partie komme ich durch die Vielzahl an Karten nur drei- bis viermal durch mein Deck. Das ist mir persönlich zu wenig für einen Deckbuilder.

Und dann ist da noch dieses Ding mit dem Glück. Ich kann zwar einige Karten gezielt auf meinen Nachziehstapel legen, wenn diese Karten allerdings aufgebraucht sind, entscheidet das Glück. Und das führte oft genug zu großen Frustationsmomenten. Karten und Würfel passen oft einfach nicht zusammen. So verpuffen mächtige Karten, die ich extra eine Runde zuvor gekauft habe, ohne dass ich deren Nutzen richtig einsetzen konnte. Und das ist schade und sehr oft frustierend. Es erinnert stark an die Quacksalber, nur dass ich bei denen selbst entscheiden konnte, ob ich weiter mache oder nicht.

Auch das Dice-Drafting ist nicht so prickelnd, wie es in den ersten Partien erscheint. Ich schaue immer, dass ich mir die besten Würfel raussuche. Und nicht nur ich mache das, sondern meine Mitspieler eben auch. Und so bekomme ich mit der zweiten Wahl eben nur die “B-Ware” an Würfeln, was zum Schluss darin gipfelt, dass ich eben immer schlechtere Würfel bekomme und diese dann nicht mehr auf meinen lukrativen Gästen unterbringen kann.

Die Merkerei der verschiedenen Währungen während meines Zuges, hebt nach ein paar Partien auch nicht die Stimmung. Wenn ich an der einen Hand meine Biere zusammenzähle und an der anderen Hand meine Goldtaler ist das manchmal recht kompliziert. Da hätte eine primitive Zählleiste dem Spiel gut getan.

Die Tavernen im Tiefen Thal Brettspiel

Sperrstunde in den Tavernen im tiefen Thal

So stehe ich am Ende wie schon oben beschrieben mit gemischten Gefühlen da. Ein schön gestaltes Spiel auf der einen Seite mit einem wirklich witzigem Thema, was mich wirklich manchmal an eine Taverne denken lässt. Wenn die Gaukler ihre gefährlichen Kunsstücke vollführen oder die Prominenz sich mit Namensschild an der Wand verewigt macht das einfach Spaß. Dazu ist es auch noch ein Spiel, das eine geringe Einstiegshürde hat und das ich jedes Mal gerne neuen Mitspielern erkläre.

Auf der anderen Seite steht aber der brachiale Glücksfaktor, der mir zu oft in die Suppe bzw. ins Bier gespuckt hat. Irgendwas passt immer nicht. Auch die Downtime ist nicht zu verachten, wenn man nach den Regeln geht, da beim Dice-Drafting die Spieler ja nacheinander draften. Bei uns allerdings machen wir das aus Zeitgründen gleichzeitig, weil jeder Spieler sowieso auf seine Würfel schaut und es ihm egal ist was die Mitspieler zuvor gemacht haben.

Auch die Tatsache, dass ich eben eigentlich nur solität vor mich hinspiele und die einzige Interaktion nur darin besteht, dass mir ein Mitspieler vielleicht eine Karte wegschnappt, dämpft die Begeisterung. Denn selbst das Dice-Drafting in 4er Besetzung könnte ich mir schon fast sparen, ich kann genauso gut meine restlichen Würfel, nach dem ich einen ausgesucht habe, jedes Mal neu würfeln.

Am Ende bleibt mit den Tavernen im Tiefen Thal ein oppulentes Spiel, was ich gerne wieder mitspiele aber nicht proaktiv auf unseren Brettspiel-Tisch packen werde.


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Die Tavernen im Tiefen Thal sind bei Schmidt Spiele erschienen.

Die Tavernen im Tiefen Thal (2019)
Spieler:
2 - 4
Dauer:
60 Min
Alter:
12+
BGG Rating:
7.53
Verlag:
Schmidt Spiele
BGG:

Für die Rezension stand uns ein kostenloses Exemplar zur Verfügung.


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