Der Fluss schimmert golden in der Abendsonne. Mein Schiff liegt tief im Wasser – Reis, Seide, Keramik, alles fein säuberlich verstaut, soweit der Platz eben reicht. Drüben, am anderen Ufer, hat schon jemand einen Anlegeplatz bebaut. Ich zähle die Felder. Wieder. Noch einmal. Am Ende weiß ich: Es ist zu weit. Der Würfel wird entscheiden, nicht ich. Aber vielleicht – vielleicht – dreht sich das Blatt noch, bevor die Sonne hinter den Bergen von Rokugan verschwindet.
Es gibt Brettspiele, die erklären sich in fünf Minuten und fesseln einen dann für Monate. Am Goldenen Fluss von Keith Piggott und erschienen bei KOSMOS gehört für mich genau in diese Kategorie. Das Spiel schlägt einen ganz anderen Weg ein: keine komplexen Tableau-Mechaniken, kein stundenlanges Grübeln (außer natürlich bei den Mitspielenden), kein ständiges Nachschlagen in den Regeln und kein verpflichtender VHS-Abendkurs zur Ikonografie. Stattdessen eine Handvoll Regeln, ein goldfarbener Fluss und ein Würfel, der einem das Leben leicht oder schwer machen kann. Was Am Goldenen Fluss so besonders für mich macht, erfahrt ihr in dieser Review.
Viel Spaß beim Lesen!
Zurück nach Rokugan auf dem goldenen Fluss
Eine erschaffene Welt, die mich einfach fasziniert, ist die Welt von Rokugan. Und in Rokugan gibt es einfach alles bzw. für diese Welt gibt es alles. Dahinter steht das Setting von Legend of the Five Rings. Hier finde ich ein LCG, ein Rollenspiel, ein Area-Control und auch darüber hinaus Bücher, die dieses Setting ständig befeuern.
Umso mehr freue ich mich natürlich, dass Am Goldenen Fluss in dieser Welt spielt, aber auf eine andere Art und Weise. Die Kämpfe, die Intrigen und die gefährlichen magischen Monster sind nur ein Nebenschauplatz und im Spiel auch gar nicht existent. Denn eigentlich ist Am Goldenen Fluss irgendwie ein Rennspiel – und wir sind nichts anderes als fahrende Händler. Natürlich wollen wir für unseren Clan die oder der beste fahrende oder segelnde Händler werden. Denn damit ist Ruhm und Ehre verbunden, und darum geht es.
Abgebildet wird das natürlich durch die entsprechenden Siegpunkte. Und dazu müssen wir den goldenen Fluss clever ausnutzen, unsere Chancen ergreifen und die anderen Händler und Händlerinnen in ihre Schranken weisen. Dabei können wir nicht so schalten und walten, wie wir wollen, denn in Rokugan wird vieles durch die Götter bestimmt. In diesem Fall ist das unser Würfel, der uns unser Schicksal übermittelt.

Würfel, Schiffe und goldene Chancen
Ich hatte ja über das schlanke Regelkorsett geschwärmt, und tatsächlich ist es aus meiner Sicht dem Autoren Keith Piggot gelungen, ein Brettspiel zu designen, das in fünf Minuten erklärt ist, aber eine hervorragende und angenehme Spieltiefe besitzt. Im Grunde habe ich nur drei Aktionen. Ich kann Häfen bauen, Kunden beliefern und natürlich auf dem Fluss entlangsegeln. Und das war es.
Das bestimmende Element ist dabei der Würfel, den ich für alle drei Aktionen brauche. Er definiert auf der einen Seite, wie weit ich segeln kann und in welchen Regionen ich bauen oder liefern kann. Das kann in der Erstpartie komisch wirken und ich kann mich schnell vom Spiel gespielt fühlen, wenn der Würfel nicht die Werte hervorbringt, die ich brauche. In weiteren Partien allerdings zeigt sich dies als der eigentliche Knackpunkt von Am Goldenen Fluss.
Ich muss mit dem Würfel arbeiten und dabei auch schauen, wie ich ihn zu meinen Gunsten einsetze. Ich kann ihn ein wenig manipulieren, aber ich kann ihn bei durchgehend hohen Werten dazu einsetzen, das Spiel zu beschleunigen und damit meine Mitspielenden am Tisch unter Druck setzen. Du willst erst einmal Ressourcen sammeln, um dich langsam aufzubauen? Pustekuchen, ich funke dir dazwischen, oder ich liefere im richtigen Augenblick durch die Manipulation des Würfels genau so aus, dass ich auf einer der sechs Einflussleisten an meinen Konkurrenten vorbeiziehe.

Denn diese sechs Leisten entsprechen natürlich den sechs Seiten des Würfels und geben ebenfalls Punkte am Ende des Spieles. Auch hier heißt es Wettrennen und abwägen, denn nicht jede Region gibt gleich viele Punkte. Konzentriere ich mich also eher auf eine sehr prestigeträchtige und damit wertvolle Region oder ziehe ich in allen Regionen entsprechend vorwärts? Meistens sind es diese kleinen Entscheidungen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, und das in jeder Partie aufs Neue.
Ein Hafen für alle und für den Besitzer ein wenig mehr
Was Am Goldenen Fluss besonders macht, ist die Hafenmechanik. Wer an einem Hafen anlegt – dem eigenen oder dem eines Gegners –, bekommt etwas. Das klingt nach einer kleinen Randnotiz, ist aber auch ein wesentlicher Punkt des Spieles. Denn einerseits ist es ungemein befriedigend, von einem gegnerischen Anleger zu profitieren. Andererseits schlägt das Pendel regelmäßig zurück: Man legt selbst an, und plötzlich kassiert der Gegner die Belohnung.

Und hier ist auch der Aufbau des Spielbrettes entscheidend. Denn jeder Hafen gehört zu verschiedenen Regionen. Aber die Wertigkeit ist jeweils unterschiedlich: Ein gekaufter bzw. ein gebauter Hafen für 12 Koku erschließt nun einmal mehr Regionen, als nur ein Hafen, der lediglich die Hälfte kostet. Aber das ist auch nur Wahrscheinlichkeit, am Ende müssen die anderen am Tisch diesen Hafen eben auch anfahren, damit ich meinen Bonus bekomme.
Das wiederum setzt auch wieder voraus, dass ich ihnen den richtigen Hafen dorthin setze. So nach dem Motto: „Ja klar, komm her, da bekommst du einen riesigen Bonus für dich! Ich natürlich auch, aber schau, was du bekommst!“ Diese Dynamik sorgt dafür, dass am Tisch fast immer etwas passiert. Man wartet nicht einfach, bis man wieder dran ist – man beobachtet, wer gerade anlegt und was das für die eigene Position bedeutet und welche Möglichkeiten sich bis zum nächsten Zug noch auftun könnten.
Diese kleinen Abwägungen sind es, die das Spiel aus meiner Sicht so spannend machen. Und mich immer wieder an ein anderes großartiges Spiel erinnern. Great Western Trail lässt grüßen.
Man will so viel und kann so wenig
Und wie auch bei Great Western Trail ist Platz Mangelware: Sind es bei dem einen die Plätze in der Herde, ist es bei Am Goldenen Fluss der Platz auf meinem Schiff. Ich kann also nicht erst einmal Waren sammeln und sammeln und sammeln, um dann so richtig zu prassen, sondern ich muss planen.
Welcher Kunde möchte was, und wenn ich von der einen Ware an mein Limit komme, sollte ich dann wirklich tauschen? Das geht immer, aber ein Kurs von 2:1 ist bei einem Maximum von sechs Waren schon teuer. Und nicht nur die Waren sind begrenzt, auch mein Geldbeutel kann nicht so viele Münzen verstauen. Also heißt es auch hier lieber Geld ausgeben als sparen. Da schließt sich wieder der Kreis, bzw. der Fluss, denn dieser ist endlos und sein Ende ist auch gleich sein Anfang.
Der Würfel muss einfach richtig fallen oder ich muss den konkreten Zeitpunkt abwarten. Das ist die Kehrseite der Medaille: Man hätte gerne alles auf einmal, aber es geht nicht. Der Würfel gibt und nimmt zugleich – und sorgt für genau jene erfreuliche Dynamik, die das Spiel über viele Partien hinweg für mich frisch und spannend hält.

Wo Licht ist, ist auch Schatten
Das Haar in der Suppe? Die Aufbau der Felder auf dem Fluss. Sie sind wundervoll gestaltet mit Glitzer und Gold und so, aber ich zähle mir auch einen Wolf. Ich zähle nach, wie weit das nächste Ziel entfernt ist – und zähle noch einmal. Und vielleicht noch einmal. Natürlich nur im Kopf, denn ich will ja nicht, dass meine Mitspielenden am Tisch mitbekommen, wo die Reise hingehen soll. Eine kleine Nummerierung der Felder hätte hier Wunder gewirkt.
Das ist auch so ein Punkt, bei dem sich bei mir der Gedanke aufdrängt, dass die schöne Optik nicht immer automatisch die klarste Lösung ist. Auf BoardGameArena fällt in der digitalen Umsetzung dieses Problem weg, weil einem das System automatisch anzeigt, wie weit man mit dem aktuellen Würfelergebnis kommt – das ist die deutlich entspanntere Art, Am Goldenen Fluss kennenzulernen. Die BGA-Umsetzung ist übrigens wirklich gut gelungen, da macht das Spiel auch digital eine gute Figur. Und ihr könnt es schon ahnen, ich bin da natürlich auch unterwegs.
Auch das Insert ist so eine Sache. Es ist vorhanden – Respekt dafür –, aber bis es wirklich nutzbar war, musste ich mir erst passende Schalen mit dem 3D-Drucker ausdrucken. Das ist kein Drama, aber eben eine kleine verpasste Chance bei einem ansonsten so stimmig produzierten Spiel. Der goldfarbige Print ist schön, wirkt manchmal allerdings etwas blendend. Meckern auf hohem Niveau, ich weiß.
Die Mini-Erweiterung, die im Lieferumfang enthalten ist, macht das Ganze noch einmal asymmetrischer. Man taktiert plötzlich ganz anders, weil die eigene Rolle andere Stärken mitbringt. Wer nach einem Dutzend Partien noch mehr Tiefe sucht, wird wie ich hier fündig. Und das, ohne dass sich dadurch das Regelkonstrukt wieder arg verändert.

Fazit: Am Fluss bleibt man hängen
Am Goldenen Fluss ist eines dieser Spiele, die man eigentlich nicht erklären muss – sie überzeugen fast von selbst, sobald sie erst einmal auf dem Tisch liegen. Einfache Regeln, ein zugänglicher Einstieg, ein klares Thema und trotzdem so viel versteckte Tiefe, dass ich immer wieder neue Nuancen entdecke. Der Würfel ist und bleibt das Herzstück – er kann begeistern und frustrieren und das innerhalb derselben Partie.
Das erzeugt aber Erinnerungen und Momente. Wie viele Spiele hatte ich schon auf dem Tisch, bei denen ich mich kaum daran erinnern kann, wie sie sich spielten? Aber an meine Erstpartie mit dem Brettspielminister und seinem Glück, fünfmal die Fünf hintereinander zu werfen, werde ich mich noch lange erinnern. Oder meiner ersten Partie auf BGA, wo ich dachte, bei gut 100 Punkten ist Schluss und ich ja der beste Spieler wäre, und mir dann gezeigt wurde, dass die Punkte beim Am Goldenen Fluss schier endlos waren, aber halt nicht meine eigenen.

Für mich ist es eines meiner absoluten Lieblingsspiele der letzten Monate. Ich kann es immer wieder spielen, es wird mir nicht langweilig. Ich mag den flüssigen, belohnenden Spielrhythmus und das Würfelglück, was mich immer wieder neu herausfordert.
Daher ist für mich Am Goldenen Fluss auch eine klare Empfehlung. Also einfach mal eine Partie wagen – und wer weiß, vielleicht geht es euch dann auch so wie mir und ihr zählt schon wieder die Felder auf dem Fluss.
In diesem Sinne: Ich muss die Segel setzen, der goldene Fluss wartet, bzw. ein paar Kunden warten auf ihren Reis und ihre Seide.
Euer Rating zu Am Goldenen Fluss
Am Goldenen Fluss ist bei KOSMOS erschienen.
In Am Goldenen Fluss schlüpfen die Spieler und Spielerinnen in die Rolle von Flusshändlern, die mit legendären Samurai-Clans verbündet sind und darum wetteifern, den Fluss zu nutzen, um Reichtum, Ruhm und Weisheit zu erlangen. Wirst du in den Ausbau von Häfen, Märkten, Schreinen und vielem mehr entlang der Ufer des belebten Flusses investieren? Oder wirst du dich darauf verlassen, den Fluss des Goldes zu befahren, deinen Reichtum und Einfluss durch Lieferverträge zu vergrößern, den Adel zu besuchen und in schwierigen Zeiten ein wenig göttliche Gunst zu erlangen?
Am Goldenen Fluss besticht durch ein atemberaubendes, geprägtes Spielbrett in Metallic-Gold, illustriert von der Meisterin der Fantasy-Kartografie, Francesca Baerald. Es sieht nicht nur wunderschön aus, sondern bietet auch ein schnelles und cleveres Spielprinzip mit minimalen Wartezeiten und einer Spieldauer von nur einer Stunde. Fans von Eurogames werden dieses mittelschwere Spiel genießen, und dank der leicht zu erlernenden, intuitiven Regeln können sie Am Goldenen Fluss schnell auf Ihren Tisch bringen.
Am Goldenen Fluss ist auf Boardgame Arena spielbar: Am Goldenen Fluss • Board Game Arena
Für die Review stand uns ein kostenloses Exemplar zur Verfügung.






