Holding On – Das bewegte Leben des Billy Kerr

Holding On – Das bewegte Leben des Billy Kerr

Holding On CoverGute Vorsätze begleiten einen großen Teil unseres Lebens. Wir wollen alles richtig machen, ein guter Mensch sein. Ob das am Ende unseres Lebensweges auch das Urteil ist, das wir selbst unseren Entscheidungen geben, steht auf einem anderen Blatt. Wir müssen mit all unseren Entscheidungen zurecht kommen und unseren Frieden damit machen. Mit den guten Entscheidungen, aber auch mit den schlechten. Das trifft gleichermaßen auch auf Brettspiele zu. Meistens haben die Macher, also der Autor, der Redakteur und der Verlag, eine Vision von einem Brettspiel. Von einem Thema, das so noch nie da gewesen ist und packende Mechanismen, die uns fesseln und eine Geschichte erleben lassen. Alle an der Entstehung eines Spieles Beteiligten treffen viele kleine und große Entscheidungen. Wir als Brettspieler und Blogger bekommen dann das Resultat auf den Spieltisch und urteilen darüber, ob diese Entscheidungen am Ende ein gutes oder ein weniger gutes Brettspiel hervorgebracht haben.

Holding On – Das bewegte Leben des Billy Kerr von den Autoren Michael Fox und Rory O’Connor ist so ein Spiel, das auf einer Vision basiert. Der Verlag Hub Games hat es sich zum Vorsatz gemacht, Spiele zu veröffentlichen, die uns Spieler emotional berühren. Das gewählte Thema ist kein einfaches und bisher einzigartig in der Brettspielwelt: Wir sind ein Team aus Pflegekräften in der Paliativ-Medizin. Unser Patient Billy Kerr hatte einen Herzinfarkt und wird garantiert sterben. In den Wochen, die er auf unserer Station verbringt, müssen wir ihn nicht nur medizinisch versorgen. Auch seine Seele benötigt Pflege. Wir müssen mit Billy über sein Leben reden, da er offensichtlich einige belastende Erlebnisse hatte. Dafür müssen wir jedoch zunächst sein Vertrauen gewinnen. Im Laufe des Spiels kommen so immer mehr Details ans Licht. Das ist jedenfalls die Vision. Wir wollen jedoch die Entscheidungen beleuchten, die auf dem Weg zum fertigen Spiel getroffen wurden und unser Urteil dazu abgeben, ob diese Entscheidungen unserer Meinung nach gute Entscheidungen waren.

Wir sind ein Team – Leben und Sterben lassen

Holding On SzenarienHolding On besteht aus insgesamt 10 Szenarien, in denen ihr kooperativ die Erinnerungen aus fünf Lebensabschnitten Billys erkunden müsst. Dabei steht euch ein Pflegeteam zur Seite, das aus den Spielern, einigen Aushilfen und einmalig einsetzbaren Aushilfen auf Abruf besteht. An jedem Tag übernimmt einer der Spieler die Rolle des Schichtleiters. Dieser teilt Personal für die Früh-, Tag- und Nachtschicht ein. Für jede Schicht wird nach und nach eine Patientenkarte aufgedeckt.

Anleitung zur Patientenversorgung

Die Karten benötigen zwischen einer und drei Pflegekräfte. Jede Pflegekraft kann jedoch nur auf einem der Felder eingesetzt werden, ohne Stress zu erhalten. Wird eine der Pflegekräfte mehrmals pro Tag eingesetzt, entsteht Stress und das ist prinzipiell schlecht, da hierfür rare Versorgungsmarker oder Erinnerungskarten abgegeben werden müssen.

Die Pflegekarten selbst bestehen aus zwei Hälften und ihr müsst entscheiden, welche davon ihr nutzt. Die linke Seite stellt die medizinischen Bedürfnisse eures Patienten dar. Für die Behandlung müsst ihr die abgebildete Anzahl Versorgungsmarker abgeben. Mindestens einmal pro Tag müsst ihr diese Option wählen, da ihr ansonsten eine Verwarnung erhaltet. Bei zwei Verwarnungen habt ihr das Szenario verloren. Könnt oder wollt ihr nicht alle Krisensymbole mit Versorgungsmarkern abdecken, geht es Billy schlechter, was über die Gesundheitsleiste angezeigt wird.

Holding On PatientenkartenDie rechte Seite stellt Gelegenheiten dar, sich mit Billy zu unterhalten oder Vertrauen zu ihm auszubauen. Hier bekommt ihr Versorgungsmarker hinzu oder könnt vage Erinnerungen erhalten. Manche Karten bieten zusätzlich die Möglichkeit, mit Billy über bestimmte Abschnitte seines Lebens zu reden. Hier könnt ihr gezielt nach klaren Erinnerung aus einem der fünf  Abschnitte fragen und zieht gegen Abgabe eines Versorgungsmarkers so lange vom Stapel, bis ihr eine Erinnerung aus dem Abschnitt gefunden habt. Aufgedeckt werden vage und klare Erinnerungen immer am Ende des Tages, so dass man nicht sofort weiß, ob man eine für das Szenario benötigte Karte bekommen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass man eine klare Erinnerung, zu der man (noch) keine passende vage Erinnerung auf dem Tisch liegen hat, wieder in den Stapel mischen muss, auch wenn man sie für die Erfüllung des Szenarios gebrauchen könnte.

Beim Ziehen von Stapeln könnt ihr außerdem Ereigniskarten aufdecken, die dann sofort abgehandelt werden müssen. Meistens bedeutet es, dass Billy nicht weiter mit euch spricht, er kann aber auch mehr erzählen oder das Thema wechseln. Was passiert, hängt von Billys Gesundheitszustand ab.

Das Ziel jedes Szenarios ist es, vorgegebene klare Erinnerungen auf dem Tisch zu haben, die sich meist auf einen oder mehrere Abschnitte in Billys Leben beziehen. Welche das genau sind, wird in den Szenario-Karten in die Story eingebunden. In der Praxis heißt das, zunächst die passenden vagen Erinnerungen zu sammeln und wenn man möglichst alle zusammen hat, mit Billy in Gesprächen die passenden klaren Erinnerungen zu erarbeiten. Habt ihr die genannten klaren Erinnerungen, ist das Szenario geschafft.

Holding On - Das Spielbrett

Unser Fazit – Was hätte sein können…

Die Prämisse von Holding On klingt vielversprechend: Ein ernstes und emotionales Thema, Erinnerungen, welche die Geschichte eines Menschen erzählen und schwere Entscheidungen, die im Laufe des Spiels getroffen werden müssen. Leider ist das Brettspiel, das hierbei entstanden ist, nicht überzeugend. Das große Problem liegt im repetitiven Charakter des gesamten Spiels. Ihr setzt immer wieder die gleichen Pöppel auf die gleichen Felder ein, um die gleichen Erinnerungen zu erhalten. Wir empfanden es als sehr enttäuschen, dass die Erinnerungen sich im Verlauf des Spiels nicht verändern.

Ein Spielerlebnis ohne Erlebnis

Holding On SchichtenDie fünf Lebensabschnitte mit den jeweils sechs Karten sind im ersten Szenario die gleichen wie im weiteren Verlauf. Lediglich der Schwerpunkt, mit welchen Karten davon ihr euch während des Szenarios beschäftigen sollt, ändert sich. So habt ihr relativ schnell alle Karten gesehen und eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was in Billys Leben vorgefallen ist. Da es hier nichts Neues zu entdecken gibt, verschiebt sich der Fokus ziemlich schnell vom Erleben der Geschichte zum Abhandeln der Mechaniken. Das ist sehr schwach für ein Spiel, das damit wirbt, dass dieses Entdecken der Erinnerungen die Spielerfahrung ausmacht. Auf der Anleitung steht sogar ein Hinweis darauf, dass man sich die Karten deshalb nicht vorher ansehen soll.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Hinzu kommt, dass das Einsetzen der Pflegekräfte immer gleich abläuft und von ständigem Mangel geprägt ist. Der lässt einen sogar Rückschritte machen, wenn man schlecht plant oder einfach nur Pech hat. Ja, es herrscht Personalmangel im Pflegesektor, aber hier sorgt es nur dafür, dass wenn es dumm läuft drei Notfälle eintreten, die man personell nicht abdecken kann und damit das Szenario verliert. So muss man das Szenario wiederholen. Eine Wiederholung in einem an sich bereits von Wiederholungen geprägten Spiel, auf die bei uns zumindest keiner Lust hatte.

Mechanik ohne Seele

Auch das Mitgefühl für Billy hielt sich in Grenzen. Der geschriebene Teil der Story, die man hier erleben soll, passt pro Szenario auf ein bis zwei Karten. Lediglich gegen Ende wird es etwas mehr. Auch die Entscheidung, ob man seinen Patienten medizinisch versorgt oder die Seite wählt, die einem der Erfüllung der Siegbedingung für das Szenario näher bringt, war in den meisten Fällen nicht schwer. Wir haben uns zumindest im Gespräch über das Spiel Gedanken darüber gemacht, was das in der realen Welt bedeutet. Im Spiel selbst spielt das allerdings keine große Rolle, Hinzu kommt, dass die Ereigniskarten so gestaltet sind, dass Billy häufig nicht mit uns redet, wenn es ihm noch relativ gut geht. Wir sind also spieltechnisch dazu gezwungen, Billy medizinisch nicht zu versorgen, damit wir ein Szenario schaffen können. All das führt wie bereits erwähnt dazu, dass der gesamte Aspekt des todkranken Patienten mit seiner Geschichte in den Hintergrund tritt und nicht mehr wahrgenommen wird. Zu ähnlich sind sich die einzelnen Szenarien. Zu wenig Abwechslung und Unvorhergesehenes in der Story. Da hilft es auch nichts mehr, dass das letzte Szenario noch einmal Fahrt aufnimmt. Kaum Spieler werden sich, teils mehrmals, durch die vorherigen Szenarien arbeiten, um vielleicht am Ende mit den finalen Storyfetzen belohnt zu werden, die Billys Geheimnisse darstellen. Das Ende für Billy steht ja bereits von Beginn an fest.

Wir wollten es mögen…

Das traurigste an Holding On sind die verpassten Chancen. Es hätte so ein tolles Spiel werden können. Ein leuchtendes Beispiel im Bereich der ernsthaften Spiele. Ein Spiel um Helden des Alltags in einem schweren Umfeld. Die Bedenken, die wir vor der ersten Partie hatten, haben sich bereits während des zweiten Szenarios zerschlagen. Von Betroffenheit und tiefer Anteilnahme kam kaum etwas rüber. Eine dünne Story und die nicht vorhandene Entwicklung und Abwechslung haben bei uns allerdings genauso schnell zu Ernüchterung geführt. Die Eintönigkeit steht in krassem Gegensatz zu dem, was Holding On an Erwartungen geweckt hat. Dabei hätte es so einfach sein können. Statt einem Stapel mit Erinnerungen hätte man hier in fortschreitenden Szenarien weitere Karten hinzufügen können. Andere, bereits bekannte hätten hierfür ohne Probleme weichen können. In der jetzigen Form können wir Holding On nicht weiterempfehlen. Die Lust aufs Spiel hatte nach der Hälfte bereits so weit abgenommen, dass wir nicht weiterspielen wollten. Es bleibt zu hoffen, dass die Macher daraus etwas lernen. Wenn man ein emotional bewegendes Spiel verspricht, dann sollte Emotion nicht unter Mechaniken erstickt werden. Die Mechaniken sollten der Geschichte folgen, nicht umgekehrt.


Holding On: Das bewegte Leben des Billy Kerr ist im Original bei HUB Games erschienen und auf Deutsch bei Asmodee erhältlich.

Holding On: The Troubled Life of Billy Kerr (2018)
Spieler:
2 - 4
Dauer:
45 - 60 Min
Alter:
14+
BGG Rating:
7.29
Verlag:
Asmodee
BGG:

Vielen Dank an Asmodee für das Rezensionsexemplar.

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