Zugegebenermaßen, war es ja immer so, dass der Konsens herrschte: Mit der SPIEL in Essen fängt der neue Brettspiel-Jahres-Zyklus an. Dass dieser nicht in Stein gemeißelt ist, zeigt allein schon unsere Jahreszählung. Das fängt ja dummerweise am 1.1. eines jeden Jahres an, aber auch schon die Spiel-des-Jahres-Jury hat ihren eigenen hochheiligen Zyklus, beginnend mit dem 01.04. Und ihr seht schon, worauf ich hier hinaus möchte: Die Berlin Brettspiel Con ist für mich eigentlich der neue Startschuss in die Spielesaison. Punkt. Wer anderer Meinung ist, hat einfach Unrecht. 😏
Hier folgt mein (nicht ganz) unparteiischer Con-Bericht
Und so beginnt es auf der Berlin Brettspiel Con
Aber Spaß ein wenig zur Seite. Die Berlin Brettspiel Con hat sich ordentlich gemausert. Auch wenn sie für einen Menschen aus dem Südwesten schon arg weit weg ist. Paris ist von meinem Zuhause aus gesehen näher als Berlin. Zudem hält der TGV in Mannheim und der fährt auch zuverlässiger als die Deutsche Bahn. Aber das sind Nebensächlichkeiten.

Schön ist auf alle Fälle zu sehen, dass auch dieses Jahr knapp 20.000 Besucher die Reise ins Estrel Congress Center auf sich genommen haben. Und die Con wächst immer weiter. Und das nicht nur den Zahlen nach, sondern auch der gefühlte Messe-Völle-Grad, definiert nach dem Brettspiel-Michel-Modell, steigt. Waren in den Jahren zuvor die Messehallen zwar gut besucht, war irgendwann der Zeitpunkt erreicht, an dem die Leute eher im großen Saal gezockt haben und die Messehallen – okay, es sind auch nur zwei – recht überschaubar wurden.
Dies hat sich aber in diesem Jahr deutlich gedreht. Bis zum Schluss waren die Plätze bei den Verlagen gut besucht und es wurde gespielt. Das kann auch daran liegen, dass mir am Stand das Spiel erklärt wird und ich nicht selbst lernen muss, wie das Brettspiel geht. Natürlich hat die Berlin Brettspiel Con auch ein ganz anderes Konzept als die etablierte SPIEL in Essen.
Am Anfang war youtube
Entstanden ist sie ursprünglich als Community-Treffen von Hunter & Cron. Zwar hatte man hier schon von Anfang an auch vor, da könnte etwas Neues entstehen, aber zwischen Idee und Umsetzung liegen nicht nur Brettspielwelten. Und selbst wenn man schon für das erste Treffen eine Handvoll Verlage gewinnen konnte, entsteht daraus keineswegs mit Selbstverständlichkeit eine solche Convention.

Und so gab es laut Alex Kopplin (immerhin irgendwie die leitende Persönlichkeit der ganzen Show – er muss wichtig sein, denn er hat ständig ’nen Knopf im Ohr, um in Kontakt mit seinen Leuten zu bleiben) diverse Punkte, an denen die Zukunft der Berlin Brettspiel Con ungewiss war. Denn wie schon beschrieben: Am Anfang war es nur ein Community-Treffen, und jeder, der schon einmal eine Veranstaltung geplant hat, und sei es nur der eigene Geburtstag, weiß, wie anstrengend das ist und was man alles im Blick behalten muss.
Ein Team, sie alle zu bespielen
Dass das natürlich irgendwann nicht mehr so nebenbei ging, sondern man eine gewisse Professionalität brauchte, ist klar. Das bedeutete aber auch Personalkosten, und diese müssen ja irgendwie eingespielt werden. Und da muss dann eben an einem Wochenende minimum ein ganzes Jahresgehalt erwirtschaftet werden. Und nur mal so in den Raum gestellt: Rein technisch wären das 36 000 € Personalkosten bei Mindestlohn und dann gibt es ja noch Fixkosten und Co. Hätte nicht gedacht, dass ich das Semester BWL noch einmal gebrauchen könnte.

Nicht nur die Personalkosten rüttelten am Risiko der Veranstaltung, sondern auch die Locations. Die Berlin Brettspiel Con wuchs über die Jahre, und jede neue Location konnte theoretisch nicht nur neue Leute beherbergen, sondern diese möchten ja auch bezahlt werden, also die Locations, nicht die Leute. Also muss das natürlich auch wieder eingespielt werden. Hut ab für das Team, das dahintersteckt, und das schon über Jahre hinweg. Ich persönlich hätte nicht den Mumm dazu, mit dieser Unsicherheit zu leben. Und wenn ich in die nahe Zukunft schaue mit der Bodensee Brettspiel Con, wird diese Unsicherheit nicht weniger.

Da gibt es noch mehr zu erzählen
Aber genug in die Vergangenheit und die Zukunft geschaut. Was hatte die Berlin Brettspiel Con denn so an Brettspielen zu bieten? Neben dem Wirbel um die möglichen Gewinner der Spiel-des-Jahres-e. V.-Auszeichnungen gilt ja: Nach dem Brettspiel ist vor dem Brettspiel. Und im Gegensatz zur SPIEL in Essen konnte ich hier auch mal wirklich in Ruhe das ein oder andere Spiel spielen. So manches Brettspiel weckte hier mein Interesse. Da waren zum Beispiel Stibitzt von Frosted Games, Moustache von KOSMOS, Witchcraft von King Racoon Games oder auch Fantastique bei AMIGO. Aber, und das ist typisch für die Berlin Brettspiel Con, da ist natürlich auch der Ausblick auf die SPIEL.

Hier nutzen natürlich auch die Verlage das „gemütlichere“ Ambiente. Da wird am Feuerland Verlagsstand ein Leitfaden für die kommende Neuheit Vantage ausprobiert, damit es dann in Essen einfach losgehen kann. Bei Frosted Games werden gleich unterschiedlichste Erklär-Kirschen zur Reife gebracht, und auch ansonsten habe ich das Gefühl gehabt, dass das die große Generalprobe für den kommenden Brettspiel-Herbst ist. Das sorgt natürlich auch dafür, dass für mich der Beginn der Brettspiel-Saison eigentlich in Berlin seinen Ursprung hat.
Ein weiter Weg nach Berlin
Die Frage, die sich aber immer wieder gerade hier im Südwesten stellt: Lohnt es sich denn, nach Berlin zu reisen? Immerhin 600 Kilometer sind für uns Europäer schon eine riesige Entfernung. Und für uns im Südwesten sowieso, wir müssen teilweise den Rhein queren, und das bei nur zwei Brücken und einer kaputten Hochstraße. Und von der Baustelle auf der Brücke der A6 über den Rhein will ich erst gar nicht anfangen.

Das lässt sich pauschal leider nicht so einfach sagen. Ich muss dann auch immer wieder hier in der Gegend ausholen und sagen, dass das ja für mich kein großes Ding ist. Immerhin komme ich aus Potsdam und habe da auch Verwandte, also sind Unterkunft und Versorgung schon einmal sichergestellt. Ich kann dann auch noch ein oder zwei Tage hinten dran hängen, um Freunde zu besuchen. Und durch die entsprechende Antriebsart unseres Autos fallen auch die Fahrtkosten recht günstig aus. Aber lassen wir das einmal alles außer Acht, dann bleibt mit Berlin auch nur eine Veranstaltung, auf der ich zocke und mir die Neuheiten der Verlage erklären lassen kann. Aber ich kann wiederum auch Freunde und Bekannte treffen.
Einmal Berlin Brettspiel Con ist kein Mal Berlin Brettspiel Con
Hier gibt es aus meiner Sicht allerdings eine Verschiebung. Kollegen sagen immer wieder, dass Essen wie ein großes Klassentreffen ist, aber hier muss ich ganz ehrlich sagen: Auch das ist mittlerweile Berlin für mich. Denn auf der SPIEL haste ich von einem Termin zum nächsten und sage nur kurz hallo. In Berlin kann ich mir ohne Probleme die Zeit nehmen, ohne schlechtes Gewissen einfach zu quatschen. Selbst das Stehenbleiben auf den Gängen, was in Essen ja schon fast lebensmüde ist, geht hier (noch) problemlos.

Deswegen bleibe ich bei der Aussage: Berlin ist eine Reise wert. Auch wenn sich für mich als Ex-Potsdamer Berlin nicht mehr so anhört wie früher, reicht ein kurzes Gespräch mit Alex, um mich wieder heimisch zu fühlen. Und daher steht für mich fest: Auch nächstes Jahr werde ich wieder in Richtung alte Heimat aufbrechen.




