Crystal Palace – Das Brettspiel zur Weltausstellung

Crystal Palace – Das Brettspiel zur Weltausstellung

Unmöglich was da von mir erwartet wird. Ein großer Bau soll es werden und das für maximal 100.000 Pfund. Dabei habe ich doch keine Ahnung von solch repräsentativen Bauten. Ich bin nur ein Gartenarchitekt. Aber Moment mal. Was wäre, wenn ich auf das tragende Mauerwerk verzichte? Was würde passieren, wenn ich das Gebäude als übergroßes Gewächshaus entwerfe? Die tragende Struktur würden riesige Eisenträger übernehmen, die wir in Masse herstellen können. Die Wände und das Dach wären aus Glas. Damit würde sich das Gebäude auch wunderbar in den Hyde Park einfügen. Sollte der Platz nicht reichen, können wir das Gebäude auch schnell und kostengünstig erweitern. Das klingt nach einer Idee. Ich werde mich gleich mit meinen Auftraggebern zusammensetzen und ihnen diese Idee präsentieren.

Die schlechte Nachricht gibt es gleich am Anfang. Wenn ihr nach London reisen wollt, um euch den Crystal Palace anzuschauen, wird das nicht klappen. Dieser ist einem Feuer im Jahr 1936 zum Opfer gefallen. Also spart euch das Geld für die Reise und schnappt euch lieber das gleichnamige Brettspiel. In Crystal Palace von Carsten Lauber spielen wir eine Nation und bereiten uns auf die erste Weltausstellung 1851 vor. Wie viel Crystal Palace steckt in dem Expertenspiel vom Feuerland Verlag? Diese Frage werden wir in unserem Test zum Brettspiel beantworten.

Viel Spaß beim Lesen!

Der Crystal Palace und die Weltausstellung

Eine kleine Information vorweg: Der Crystal Palace bekam seinen Namen erst im Nachhinein. Wahrscheinlich war dafür ein Satiremagazin verantwortlich. Keine Satire hingegen ist das gleichnamige Brettspiel. Wir spielen eine von 10 verfügbaren Nationen. Unsere Aufgabe ist es, im Vorfeld der ersten Weltausstellung unsere Nation gut ausschauen zu lassen. Dazu nutzen wir Patente und bauen aus diesen Prototypen oder wir heuern bekannte Persönlichkeiten an.

Doch wie immer ist das nicht so einfach, denn es mangelt uns nicht nur an Geld. Nein, auch unsere Mitspieler am Tisch kommen uns ständig in die Quere. Von der mangelnden Zeit mal ganz abgesehen. Denn uns stehen nur 5 Runden zur Verfügung, um so viele Siegpunkte wie möglich zu sammeln. Das klingt nicht wirklich simpel.

Dabei war der eigentliche Zweck der Weltausstellung recht einfach. Die britische Industrie wollte der Welt nur zeigen, wie unschlagbar gut ihre Produkte sind. Wie gut wir allerdings als Vertreter unserer Nation sind, müssen wir erst noch beweisen.

Würfel um Würfel

Den namensgebenden Crystal Palace bauen wir nicht wirklich. Im günstigsten Fall baut nur einer das Wahrzeichen der Weltausstellung. Der Crystal Palace soll uns einfach nur thematisch einfangen. Allerdings, und das ist ja typisch für ein Euro-Game, kann das Thema auch ohne Probleme ausgewechselt werden. Und laut dem Autor Carsten Lauber wurde das finale Thema auch erst später in der Entwicklung gewählt. Doch zurück zum Spiel. Um meine Aktionen ausführen zu können, setzte ich Würfel ein. Am Anfang stehen mir 4 Würfel zur Verfügung. Diesen Pool kann ich im Laufe des Spieles um 2 Würfel vergrößern.

Die Besonderheit in Crystal Palace ist, dass diese Würfel nicht geworfen werden. Der Zufall des Würfelwurfes wird komplett ausgeschaltet, denn ich wähle aus, welche Zahlen meine Würfel anzeigen. Keine Frage, hohe Zahlen bringen mir bessere Aktionen ein. Doch nicht nur das, auch bringen mir höhere Zahlen eine bessere Ausgangssituation beim Wählen der Aktionen.

Aber das wäre ja zu einfach! Denn ich muss die ausgewählte Augenzahl auch mit barer Münze bezahlen. Und ihr werdet es wahrscheinlich schon erraten haben: Geld ist eine Mangelware in Crystal Palace. Ich kann zwar jederzeit einen Kredit aufnehmen, allerdings kostet mich dies im wahrsten Sinne des Wortes Siegpunkte. Denn selbst wenn ich einen Kredit zurückbezahle, werde ich am Spielende dennoch Siegpunkte verlieren.

Welche Zahl soll es denn sein?

Das verdeckte Austüfteln, welchen Würfel ich denn nun auf welche Zahl drehe, ist mein Lieblingselement in Crystal Palace. Natürlich geht das nicht immer flott vonstatten. Und hier liegt auch das größte Potenzial für Spieler-Downtime. Denn jeder Spieler stellt sich die gleichen Fragen. Wie viel ist mir die mögliche Startposition wert? Welche Augenzahl kann ich mir überhaupt leisten? Was wählen die anderen Mitspieler? Wähle ich lieber eine sichere 6 und muss wegen des Geldes dafür eine anderen Würfelzahl reduzieren? Ja, es gibt eine Menge Fragen. Auch wenn wir diese Phase alle gleichzeitig bestreiten, bin ich manchmal eben doch schneller als meine Mitspieler oder auch umgekehrt. Dann heißt es Warten, bis alle fertig sind.

Allerdings hat diese Phase auch einen leicht bitteren Beigeschmack. So wird über die Höhe der Augenzahl auch der Startspieler für die Runde bestimmt. Danach geht die Spieler-Reihenfolge allerdings in Uhrzeigersinn vom Startspieler aus weiter. Das hat oft genug zur Folge, dass der Spieler mit dem zweithöchsten Betrag eben nicht zweiter sondern vorletzter oder auch letzter ist, je nach Spieleranzahl.

Zwar kann ich die Aussage des Autors verstehen, dass das spieltechnisch keine großen Auswirkungen hatte in den Testspielen. Aber es ist in meinen Augen schon unfair. So besteht die Möglichkeit, dass jemand mit einem geringen Einsatz ein Aktionsfeld wegschnappen kann und das nur wegen der Sitz-Reihenfolge am Tisch. In unseren Partien wurde sich über diesen Mechanismus oft genug beschwert. Gerade weil es oft genug vorkam, dass extra ein hoher Würfelwert eingekauft wurde, der mir dann nicht wirklich was brachte.

Nimm das Crystal Palace!

Das Wegschnappen von Aktionen  ist ein klassisches Spielkonzept von Euro-Games. Doch Crystal Palace bewegt sich hier auf einem anderen Niveau. Denn geht es in anderen Spielen eher nach dem Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, ist das in Crystal Palace noch nicht ganz sicher. Der Grund hierfür findet sich im Einsetz-Mechanismus.

Insgesamt gibt es 8 mögliche Orte, an denen ich meine kostbaren Würfel einsetzen kann. Jeder Ort hat je nach Spieleranzahl x-mögliche Aktionsfelder. Jedes Feld wiederum hat seinen eigenen Würfelwert. Heißt, das ist die minimale Augenzahl, die euer Würfel haben muss. Doch die Auswertung der Aktion findet eben nicht beim Einsetzen statt, sondern erst in der zweiten Phase der Runde.

So ist es mir schon oft passiert, dass ich mir bis zum Ende nicht sicher sein konnte, ob ich meine Aktion machen konnte oder nicht. Denn nach dem Einsetzen aller Würfel kommt die Auswertung und damit die eigentliche Aktion. Als Erstes wird der Spieler seine Aktion durchführen können, dessen Würfel die höchste Augenzahl hat. Gibt es hier einen Gleichstand, ist es der Spieler der am weitesten links, in den meisten Fällen als erstes, seinen Würfel platziert hat.

Dadurch kann mein gegenüber durchaus triumphieren, wenn er seinen Würfel mit der höheren Augenzahl einfach nach meinem einsetzt. Da muss ich schon oft genug am Tisch den eiskalten Pokerspieler raushängen lassen, um meine Emotionen unter Kontrolle halten zu können. Und genau dieser Mechanismus zusammen mit der Würfel-Bietphase macht für mich das Besondere an Crystal Palace aus.

Ich erwähne der Vollständigkeit halber noch schnell, dass die einzelnen Elemente natürlich wunderbar ineinander verzahnt sind. Bevor ich neue Patente bauen kann, muss ich erst einmal die nötigen Materialien habe. Natürlich brauche ich auch Geld, was in Crystal Palace absolute Mangelware ist. Unter der Haube ist Crystal Palace mechanisch gut umgesetzt.

Risse in der Fassade des Crystal Palace

Allerdings hat das Spiel aus meiner Sicht ein störendes Element. Und das sind die Patente/ Prototypen und die Personen. Spieltechnisch funktionieren beide einzeln betrachtet sehr gut. Patente kann ich mir erst einmal sichern und habe ich die nötigen Materialien, mache ich daraus Prototypen. Diese Prototypen geben mir neben Siegpunkten auch verschiedene Boni.

Richtig toll ist, dass ich mir überlegen kann, welcher Spieler am Tisch den Bonus bekommen soll. Denn bei einigen Boni muss ich auch noch etwas bezahlen. Und so schenke ich meinem Gegner durchaus mal 3 Siegpunkt, wofür er dann allerdings auch 5 Geld bezahlen muss. Natürlich hat er die nicht und muss deswegen einen Kredit aufnehmen und zack, schon hat er je nach Kredit Minimum 5 Minus-Siegpunkte.

Auch die Personen geben mir Boni, wenn ich sie anstelle. Vom Einmal-Effekt bis zu einem dauerhaften Effekt ist alles vorhanden. Im Gegensatz zum Patent muss ich die Person allerdings bezahlen, sobald ich diese in meine Dienste stelle. Ist sie erst einmal eingstellt, will sie auch noch jede Runde bezahlt werden. Auch das ist wieder spielmechanisch wunderbar gelöst, da jede Person andere Gehaltsstufen hat, je nachdem wie mein Ruf ist.

Das Prototyp-Patent Problem

Was störend ist, ist das Zusammenspiel Patente-Personen. Denn hier gibt es unter Umständen ordentlich Bonuspunkte. Jedes Patent gehört zu mindestens einer Perosn und jede Person gehört zu mindestens einem Patent. Mache ich nun aus dem Patent einen Prototyp und habe ich die auf dem Patent benötigte Person, bekomme ich Bonuspunkte. So geht das auch in der Gegenrichtung: Stelle ich eine Person an und habe den Prototypen, sind mir ebenfalls die Bonuspunkte sicher.

Und während ich am Anfang noch dachte, dass ich auf diese Kombination gezielt spielen kann, hat sich mittlerweile Ernüchterung eingestellt. Die Punktekombination ist absolut zufällig. Ich kann Pech haben und bekomme niemals die beiden Karten überhaupt zu sehen. Oder das Patent/ die Person war in einer Runde zuvor in der Auslage und befindet sich nun unerreichbar im Ablagestapel. Ich werde also nie die Bonuspunkte abgreifen können. Oder ich habe schlicht und einfach nicht die Ressourcen, um diese just zu dem Zeitpunkt zu bekommen, wenn sie denn ausliegen.

Andersherum geht es auch. Ich kann durch pures Glück genau die Personen/ Prototypen in meiner Auslage haben, die genau zu den ausliegenden Karten passen und bekomme dadurch Siegpunkte. Dieses Konstrukt passt für mich einfach nicht in das Gesamtkonzept.

Auch die verschiedenen Nationen-Tableaus sind für mich nicht wirklich gut gelungen. Diese Tableaus sind eigentlich alle gleich, bis auf die einzigartigen Aufträge. Das Problem hierbei ist: Einige Aufträge mache ich einfach nebenbei, während ich das Spiel spiele. Bei anderen ist es wirklich verdammt schwer, dass ich den Auftrag erfüllen kann. Und da die Tableaus zufällig vergeben werden, kann ich auch hier wieder Pech haben oder eben auch Glück.

Was vom Crystal Palace übrig blieb

Wie anfangs schon erwähnt, vom Original Crystal Palace ist nichts mehr übrig geblieben, bis auf eine gleichnamige Fussball-Mannschaft. Anders sieht dies beim Brettspiel aus. Crystal Palace ist ein typischer Vertreter für ein sehr grübellastiges Euro-Game. Ich will soviel machen, kann dies aber nicht, weil es entweder an Würfeln oder Geld mangelt. Und dieser Mangel bleibt das ganze Spiel über bestehen. Selbst wenn ich genug Würfel oder Geld habe, will ich immer noch mehr haben. Ich will dann mehr Patente oder Personen. Doch ich muss abwägen. Und das gefällt mir gut, die Überlegung wieviel Geld muss ich minimal ausgeben, um alle Aktionen durchführen zu können. Auf welche Punkte spielen meine Mitspieler und wie kann ich das ausnutzen, um billige aber wichtige Aktionen machen zu können.

Mit Crystal Palace ist es wieder Zeit, Entscheidungen zu treffen. Und wer mich kennt weiß, dass ich dies in Brettspielen liebe. Und wenn eine Partie vorbei ist, muss ich Zähne knirschend eingestehen, dass es vielleicht die falschen Entscheidungen waren. Doch ich muss damit leben und kann in einer neuen Partie vielleicht aus meinen Fehlern lernen.

Wie ich ja schon beschrieben habe, ist für mich persönlich die Verzahnung zwischen Patenten und Personen nicht gut gelungen. Das hätte aus meiner Sicht eleganter gelöst werden können. Auch wenn es für mich durchaus störend war, hatten meine Mitspieler damit oft genug keine Probleme am Tisch.

Und so reiht sich Crystal Palace ein in eine ganze Reihe von knackigen Brettspielen des aktuellen Spielejahrgangs. Ob Black Angel, Cooper Island, Trismegistus oder eben auch Crystal Palace: All diese Brettspiele spielen sich irgendwie unterschiedlich und dann doch gleich. Welches davon nun mein aktueller Favorit ist, kann ich im Moment noch nicht sagen. Aber Crystal Palace ist unter all diesen Spielen das Spiel, welches aus meiner Sicht am schnellsten und einfachsten zu erklären ist.


In letzter Zeit gibt es immer mehr Spiele auf dem Markt, wo der Mangel an Ressourcen und Siepunkten Programm ist. Was ist eure Meinung dazu?

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Das Spiel Crystal Palace ist bei Feuerland Spiele erschienen.

Crystal Palace (2019)
Spieler:
2 - 5
Dauer:
90 - 150 Min
Alter:
14+
BGG Rating:
7.7
Verlag:
Feuerland Spiele
BGG:

Für die Review wurde uns ein preisreduziertes Rezensionsexemplar von Feuerland Spiele zur Verfügung gestellt.



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