Spieler-Typen und Spieler-Motivation bei Brettspielen – Wie sozial ist unser Hobby?

Spieler-Typen und Spieler-Motivation bei Brettspielen – Wie sozial ist unser Hobby?

Im SpieLama Video Frag das Lama 5 auf YouTube wurde kürzlich die Frage besprochen, ob man einen Menschen über das Spielen besser kennenlernen kann. Zunächst würde man ja sagen, dass man natürlich Menschen über das Brettspielen kennenlernen kann. Die Meinungen von Benjamin Schönheiter und Alexander Resch waren allerdings geteilt und das hat mich zu der Frage geführt, wie das in unserem doch immer als so sozial betrachteten Hobby sein kann. Vielleicht sind Brettspiele gar kein besonders soziales Hobby, wie Sebastian Wenzel das in den Raum geworfen hatte? Oder liegt es vielleicht an den Spielern selbst?

Darf’s ein bisschen Brettspiel sein?

Definiert man “kennenlernen” als bloßes treffen neuer Leute, die man vorher noch nicht getroffen hat, so sind Brettspiele dazu mit Sicherheit geeignet. Wenn man nicht gerade ausschließlich Solo-Spielen frönt, kommt man um Mitspieler gar nicht herum. Darin unterscheiden sich Brettspiele nicht von den meisten Mannschaftssportarten. Je nach Art des Spiels und Grund des Zusammenkommens gibt es dann zwischen den Spielern mehr oder weniger soziale Interaktion.

Brettspiele als Hauptgang

Brettspiele als EreignisWenn eine Gruppe ausschließlich zusammenkommt, um ein bestimmtes Spiel zu spielen, so kommt der soziale Aspekt häufig zu kurz und beschränkt sich auf das bloße Spielgeschehen, das dann kommentiert wird. Gespräche beschränken sich, wenn überhaupt erwünscht, dann auch auf das Thema Spiel. Den Menschen hinter dem Mitspieler lernt man hier kaum kennen. Es ist ein bisschen so, wie wenn man gegen einen unberechenbaren und hoch interaktiven Bot spielen würde. Nach dem Spiel geht man wieder getrennte Wege und lebt sein Leben, von dem der Mitspieler mitunter nichts weiß. Auch auf Messen geht es so gut wie nie über diesen Basisgrad der Interaktion hinaus. Wenn das Gegenüber nicht gerade sehr nervtötende Angewohnheiten hat oder aber überkommunikativ ist, bekommt man dort in all der Hektik und dem Lärm vom eigentlichen Spielertyp des unbekannten Mitspielers wenig mit.

Brettspiele als Beilage

Brettspiele sind NebensacheAnders sieht es aus, wenn der Grund des Zusammenkommens nicht primär im Brettspiel liegt und eher ein lockerer Abend zusammen geplant wird. In dieser Konstellation treffen sich allerdings eher Spieler, die sich bereits kennen. Hier wird zwangsläufig auch oder hauptsächlich über Themen geredet, die nichts mit den Brettspielen zu tun haben, die während des Abends miteinander gespielt werden. Das sind Themen, die über das Hobby Brettspiele hinaus gehen. Der letzte Urlaub, die neuesten Kuriositäten aus dem Job oder auch der allseits beliebte Dauerbrenner: Krankheiten. Da wird wirklich viel geredet. Kommen neue Leute in die Runde, bekommt man automatisch mehr über die Menschen hinter den Spielern mit.

Das erfordert natürlich auch eine andere Art von Brettspielen. Wer kann sich schon auf ein knallhartes, gehirnverdrehendes Eurogame konzentrieren, wenn der Bekannte nebenan der Freundin gerade erzählt, dass er wieder mal kündigen wollte und dann aber vom Chef eine Gehaltserhöhung bekommen hat. Die selbe Story wie letztes Jahr, aber diesmal noch etwas besser ausgeschmückt. Social-Deduction-Spiele kommen hier sehr oft zum Einsatz, da es hier von Vorteil ist, wenn man sein Gegenüber bereits kennt. Aber auf jeden Fall werden Spiele gespielt, die nicht zu viel Denkarbeit benötigen und so nicht zu sehr vom eigentlichen Grund des Treffens ablenken.

Videospiele sind unsozial!? – Ein Exkurs

Da Brettspiele ja auch gerne mit Videospielen verglichen werden, hier ein kleiner Exkurs: In meiner Jugend hatte nicht jeder einen Computer oder eine Konsole, um darauf zu spielen. In Folge dessen, hat man sich oft getroffen, um gemeinsam zu Spielen. Klar, hat man sich dabei auch unterhalten, aber das Hauptthema waren auch damals die Spiele. Später, mit Aufkommen der MMORPGs saß man zwar nicht mehr gemeinsam vor dem Bildschirm, aber man hatte die Möglichkeit, sich mit anderen Mitspielern zu unterhalten. Trotz der Verteufelung solcher Spiele als Grund für Vereinsamung und Spielesucht, haben sich darüber doch echte neue soziale Kontakte gebildet, die über das Spiel selbst hinausgehen. Regelmäßiges Aufeinandertreffen war auch hier gegeben und neben vielen Spielern, die kommen und gehen und auswechselbar sind, finden sich auch hier Beispiele für ein Kennenlernen über den Kontext des Spiels hinaus. Aber die Bereitschaft dafür muss bei den einzelnen Spielern erst einmal vorhanden sein.

Spielertypen – Die Motivation ist entscheidend

Character Theorie nach Bartle
Character Theorie nach Bartle – (Bild Lizenz: CC)

Hierfür braucht es allerdings einen ganz bestimmten Typ von Spielern: den Socializer. Der Bereich Computerspiele ist wesentlich besser erforscht, als der Bereich Brettspiele. Der britische Forscher Richard A. Bartle teilt Computerspieler in vier Klassen ein[1], je nachdem, welche Motivation zum Spielen von MMORPGs bei ihnen überwog. Neben dem nach Kontakten und Interaktion strebenden Socializern gibt es da noch die anderen Klassen, die mehr oder weniger ausgeprägt sein können. Der Achiever z.B. möchte möglichst viel messbare Dinge erreichen in Form von Erfahrungspunkten, Items oder einer besonders hohen Punktzahl. Der Explorer möchte viel entdecken und erkunden. Dazu zählen sowohl verschiedene Gegenden als auch verschiedene Spielmechaniken. Als letztes gibt es noch den Killer, dessen Motivation der Wettkampf mit anderen Spielern ist und der den Konflikt sucht.

Spielermotivation bei Brettspielen

Kommt euch das bekannt vor? Die meisten Brettspieler werden wohl auch mehr oder weniger in eine dieser vier Bartle-Klassen fallen. Der große Unterschied ist natürlich, dass man sich beim Brettspiel direkt gegenüber sitzt. Bei MMORPGs entstehen allein durch die räumliche Trennung weniger Hemmungen für extremes Verhalten. Noch besser heruntergebrochen hat der Spieledesigner Jon Radoff die Motivation der Spieler. Durch das empirische Fehlen des reinen Explorers in Bartles Theorie änderte er die vier Hauptmotivationen für Spieler[2] in Immersion, Cooperation, Achievement und Competition.

Spielermotivation nach RadoffImmersion und Kooperation

Da es Radoffs Ziel war, Spielermotivationen zu finden, die auch auf andere Arten von Spielen als nur auf MMORPGs anwendbar sind, passen diese offensichtlich auch besser zu Brettspielen und deren Spielern. Als Entwickler von Spielen, wollte er seine Spieldesigns den Motivationen der Spieler anpassen. Auch Brettspiele befriedigen diese Motivationen fürs Spielen in unterschiedlichem Maße. Spiele wie Arkham Horror LCG oder T.I.M.E. Stories machen denjenigen Spielern Spaß, denen es vor allem auf die Immersion, das Eintauchen in die Spielwelt ankommt. Wer dabei weniger Wert auf Kooperation, also das Zusammenspiel mit anderen Spielern, legt, der ist mit ersterem besser bedient. Wem Geselligkeit und wichtiger ist, wird vielleicht eher Letzteres präferieren und die Story genießen, aber bei der Immersion und den Wettstreit zu Gunsten des gemeinsamen Erlebnisses Abstriche machen. Beide Arten von Spielern erreichen hohe Werte auf der qualitativen Achse, das Erlebnis selbst ist wichtiger, als die Häufigkeit oder das Gewinnen.

Achievement und Competition

Schach
Schach: Das Mekka der kompetetiven Spieler (Bild Lizenz: GNU)

In der entgegengesetzten, quantitativen Richtung liegen diejenigen Spieler, die sich in irgendeiner Form einer Herausforderung stellen wollen. Für Achiever sind die Mitspieler dabei eher nebensächlich, hier geht es eher darum das Spiel selbst zu schlagen. Sie wollen sich beweisen, sehen dass sie selbst besser werden und das unter anderem durch häufiges Spielen. Hier fühlen sich auch Solo-Spieler wohl und ich würde Spiele wie Scythe – bei dem Achievements sogar bereits eingebaut sind – oder auch Terraforming Mars mit in dieses Segment zählen. Bei Spielern, deren Motivation besonders im Bereich Competition liegt, finden wir wohl die klassischen Turnierspieler, die zwar häufig mit anderen zusammen spielen, bei denen das Gewinnen wollen aber im Vordergrund steht. Wer schon mal an einem Schach- oder “Magic the Gathering”-Turnier teilgenommen hat, weiß wohl, welcher Typ Spieler hier zu finden ist.

Mischtypen und die Wahrheit dazwischen

Ihr merkt schon, nur weil jemand häufig mit anderen zusammen spielt, muss er noch lange kein kontaktfreudiger Mensch sein, dem das gemeinsame Spielerlebnis wichtig ist. Aber kaum ein Spieler ist ein extremer Archetyp auf dieser Skala. Die Wirklichkeit ist komplexer und so gibt es eine große Bandbreite an Mischtypen. Auch kein einzelnes Brettspiel kann alle diese Motivationen befriedigen. Daher können Brettspiele zwar Menschen zusammen an einen Tisch bringen, aber bei bestimmten Spielen ist es wahrscheinlicher, auf einen bestimmten Spielertypen zu treffen. Wer selbst kontaktfreudig und extrovertiert ist, der wird es bei einem Mitspieler, der kein Interesse an Gesprächen hat und lieber in Ruhe vor sich hin denken möchte, um das letzte Quäntchen Glück zu eliminieren und den besten und cleversten Zug überhaupt zu machen, einfach schwer haben. Umgekehrt gilt das genauso.

Ein passender Rahmen für das erste Brettspiel-Date

So gesehen sind nicht die Brettspiele an sich sozial, sie bilden vielmehr einen genau definierten Rahmen für soziale Interaktion. Aber nur wenn die Spieler selbst genügend Interesse an ihren Mitspielern mitbringen, um über diesen Rahmen hinaus miteinander zu kommunizieren, werden Brettspiele zum sozialen Erlebnis. Und dann kann man durchaus Menschen durch Brettspiele wirklich besser kennenlernen. Trotz allem passiert das natürlich nicht innerhalb einer Partie. Man hat dann vielleicht eine Ahnung, mit welchem Typen man es am ehesten zu tun hat, aber um die charakterlichen Facetten hinter der Motivation zu entdecken, braucht es mehr als das.

Brettspiele sind soziale Medien – wenn ihr das wollt

Wer selbst ein Socializer ist, dem wird es leichter von den Lippen kommen, Brettspiele an sich als soziales Hobby zu betrachten. Der Spieler der diesem Typ aber nicht entspricht wird auch eher Spiele bevorzugen, die einen anderen Typ von Spieler ansprechen. Wer Party-, Glücks- und Coop-Spiele meidet, trifft auch eher auf die eigenbrötlerischen Denkertypen im Euro-Game-Bereich. Und gerade hier kommt es nicht unbedingt darauf an, neue Leute kennenzulernen. Es kommt eher darauf an, einen herausfordernden Gegenspieler zu finden.

Und die Moral von der Geschicht’: Lernt euch kennen, oder auch nicht

Generell glaube ich, dass man einen Menschen beim Brettspiel nicht schneller oder besser kennenlernt, als bei anderen Hobbies. Gerade wenn man sich gezielt zum Spielen trifft, ist das Hauptthema bereits festgelegt. Um mehr über sein Gegenüber zu erfahren, muss man sich schön häufiger treffen und selbst dann bleibt es immer auch eine Frage, wie sehr beide Seiten ein Interesse daran haben, den anderen kennenzulernen. Daher würde ich behaupten, Brettspiele sind im Kern nicht besser oder schlechter dazu geeignet, einen Menschen kennenzulernen, als andere gemeinsame Aktivitäten auch. Brettspiele machen es einem aber leichter, einen Erstkontakt herzustellen, da man bereits ein gemeinsames Interesse hat. Es ist leichter, als neue Leute in der Disco kennenzulernen.

 


Quellenangaben:

1: “Hearts, Clubs, Diamonds, Spades: Players who suit MUDs“, Bartle, Richard A.

2: “Game Player Motivations” Radoff, Jon, Mai 2011. Archiviert und aufrufbar über Wayback Machine.

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