Ich flaniere an der Seine und beobachte, wie die Blätter des Herbstes langsam dem Boden entgegen schweben. Dazu noch das Licht der tiefstehenden Sonne – ein Bild, das festgehalten werden muss. Ich als Bohemian, ein Mensch der künstlerischen Lebensweise, würde und muss dies festhalten für die Ewigkeit. Ich kann dies aber nicht, denn die schnöde Arbeit ruft und dieser muss ich mich stellen, denn der Leidensdruck durch die unbezahlten Rechnungen steigt und wenn ich diese nicht zügig bezahle, ist Schluss mit dem leichten Leben.
Deckbuilder gehen bei mir eigentlich immer. Wenn dann noch ein unverbrauchtes Thema wie das entbehrungsreiche Leben eines Künstlers dazukommt, garniert mit einem richtig schicken Cover und einem eigenwilligen Grafikstil – zack, habt ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit Bohemians (hierzulande bei Pegasus, im Original von Portal Games) schien also eigentlich alles angerichtet für ein echtes Highlight.
Aber: Es steht eben Portal Games auf der Schachtel. Und da ist das bei mir immer so eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Auf der einen Seite steht bei mir das All-Time-Must-Have Imperial Settlers fest im Regal oder das geniale Detective, auf der anderen Seite hat der Verlag aus Polen leider auch schon so manchen unausgegorenen Murks abgeliefert, der schlicht nicht fertig entwickelt wirkte. Wo ordnet sich Bohemians ein? Nun ja, es ist nicht der ganz große Wurf, aber auch kein Totalausfall. Es dümpelt unglücklich dazwischen herum – und ist vor allem eines: verdammt unbefriedigend. Erfahrt, warum das so ist.
Viel Spaß beim Lesen!
Bohemians oder Ketten ohne Schmiermittel

Das Grundprinzip des Spiels kennt man fast eins zu eins aus anderen Spielen wie zum Beispiel After Us oder Nightfall: Wir legen Karten nebeneinander aus, um passende Symbole bzw. Farben miteinander zu verketten. Nur wer Ketten bildet, bekommt die dringend benötigten Ressourcen und Siegpunkte.
Und genau hier fängt das Problem an, an dem schon After Us gekrankt hat: Die Karten haben für sich allein genommen überhaupt keinen Nutzwert. Vergleicht das mal mit Deckbuildern wie Kamigami Battles, Terrors of London und etwas weiter hergeholt, Star Realms – da macht jede ausgespielte Karte erst mal etwas Nützliches für sich, und eine gelungene Kette setzt noch das Sahnehäubchen als Bonus obendrauf. Bei Bohemians gibt es ohne Kette einfach gar nichts. Zwar bringen hier auch die Karten das ein oder andere Etwas mit sich, aber das muss dann teilweise wieder zur richtigen Zeit kommen. Was ein gescheites Planen im Ansatz vereitelt. Es fühlt sich für mich einfach unfertig an und nicht durchdacht.

Dazu kommt die extrem enge Ausspiel-Grenze: Wir haben in jeder Runde nur vier mickrige Slots, in die wir Karten spielen können. Eigentlich sogar nur drei, denn wir müssen quasi dauerhaft einen Slot opfern, um keine fiesen Leiden kassieren zu müssen. Große Sprünge oder taktische Varianz? Fehlanzeige. Da hilft es auch nicht, dass es das Hilfskonstrukt der Musen gibt, die uns theoretisch mehr Flexibilität geben sollen, aber dieser Mechanismus leidet genauso an seiner glückslastigen Umsetzung wie das eigentliche Deckbuilding.
Erst die Muse, dann der Frust
Ganz ehrlich: Im ersten Drittel spielt sich das Ganze noch recht fluffig weg. Man kommt zügig an seine ersten kleinen Ziele, baut sein Deck auf und denkt sich: „Mensch, das läuft doch!“
Doch dann kippt die Partie mit voller Wucht.
Als echter Künstler muss man eben leiden – und diese Leiden schlagen im späteren Spielverlauf gnadenlos zu. Sie müllen einem zwar nicht direkt das Deck voll, drehen einem dafür aber den Ressourcenhahn fast komplett zu. Ab der Spielmitte kommt man gefühlt überhaupt nicht mehr aus dem Quark.

Um aber an die lukrativeren, höheren Ziele zu kommen, braucht man Unmengen an Ressourcen. Und ab diesem Punkt verabschiedet sich jegliche strategische Kontrolle: Man sitzt am Tisch und hofft Runde für Runde einfach nur noch auf das blanke Kartenglück, endlich die passende Kombination zu ziehen, um überhaupt wieder eine Kette aktivieren zu können.
Aus einem eigentlich leichtgewichtigen, lockeren Feierabendspiel wird ab der zweiten Hälfte eine zähe Angelegenheit. Man zieht, kauft mühsam ein, schlägt sich mit seinen Leiden herum und blickt nach über einer Stunde in die Runde, wo eigentlich alle am Tisch nur noch darauf warten, dass endlich jemand das finale Ziel erreicht und die Partie endet.
Was vom Tage übrig bleibt
Bohemians hat auf dem Papier richtig spannende Ideen: Das frische Thema, der Look und die Verzahnung aus Deckbau und Kettenmechanik klingen super. Doch in der Praxis steht sich das Spiel mit seiner starren Ketten-Abhängigkeit und der frustrierenden Ressourcen-Drosselung selbst im Weg.
Statt flotter Deckbuilding-Action verkommt die zweite Spielhälfte zu einer quälend zähen Geduldsprobe. Schade drum – aber unterm Strich bleibt Bohemians für mich leider ein eher unterdurchschnittlicher Vertreter, der sein Potenzial leichtfertig verspielt hat.
Euer Rating zu Bohemians
Bohemians ist bei Pegasus Spiele erschienen.
In jeder Runde müssen die Spieler ihren Tagesablauf planen und entscheiden, ob sie ein Date haben, an einer gesellschaftlichen Veranstaltung teilnehmen, ihre Muse treffen, neue Kunstwerke schaffen oder …zur Arbeit gehen. Jede Karte bietet ihnen verschiedene Boni und Inspiration, daher ist es entscheidend, den Kartenvorrat und die Reihenfolge, in der die Karten ausgespielt werden, sorgfältig zu verwalten, um möglichst viel Inspiration zu erhalten. Die Spieler geben dann ihre Inspiration aus, um Karten zu kaufen und ihr Deck mit neuen Gewohnheiten, inspirierenden Musen oder neuen Errungenschaften in ihrer Karriere aufzubauen. Der Künstler, der die meisten Erfolge aus dem Erfolgsstapel sammelt, gewinnt.
Der Prototyp von „Bohemians“ erhielt drei Nominierungen und eine Auszeichnung (Beste Präsentation, Beste Innovation, Bestes Spiel) auf der Fastaval, Dänemarks größter Messe für Brettspiele und Rollenspiele.
– Beschreibung des Verlags
Für die Review stand uns ein kostenloses Exemplar zur Verfügung.






