Brettspiele bei Kickstarter: Gedanken zu Versandkosten

Brettspiele bei Kickstarter: Gedanken zu Versandkosten

eu-friendlyEigentlich hätte hier ein Preview zu Legends of Sleepy Hollow stehen sollen. Darauf müsst ihr jetzt leider verzichten, da die Gestaltung der Versandkosten in die EU und die Einstellung vom Verlag Dice Hate Me Games mich gelinde gesagt geärgert hat. Heute Vormittag war ich noch voller Vorfreude auf das schöne kooperative Spiel mit storygetriebener Kampagne. Heute Abend folgt die Ernüchterung: 69$ für das Spiel mit 39$ Versandkosten in die EU oben drauf. Das sind 57 Prozent Versandkosten auf den Kickstarter-Preis. Ich bin wohl nicht die Einzige, die sich darüber aufregt, denn die ersten Kommentare ließen nicht lange auf sich warten.

Kommunikation mit potentiellen Kunden

Als Antwort verlinkte Dice Hate Me Games auf den Artikel Why is international Shipping so Expensive von Paul Bender vom Verlag Greater than Games, zu dem Dice Hate Me Games ebenfalls gehört. Natürlich wollte ich nachvollziehen, was der Grund für die hohen Kosten sind und las den Artikel. Kurz gesagt ist man dort der Meinung, dass es nur drei Möglichkeiten für Versand aus den USA nach Europa gibt:

  1. Über UPS einzeln versenden und evtl. anfallende Zollgebühren an die Unterstützer erstatten. Hier müsse man auf kulante Zollbeamte hoffen und könnte so durch Glück ein paar Versandkosten sparen, läge aber noch immer im Bereich von um die 50$ Versand.
  2. Alle Spiele als Bulk in die EU verschicken und so einmalig Zollgebühren zahlen. Angeblich wäre das nicht viel günstiger und benötigt mehr Logistik.
  3. Lügen und den Warenwert zu niedrig ansetzen oder als Geschenk deklarieren und damit illegal werden.

Hier ist klar, dass niemand von Verlagen erwartet, sich in die Illegalität zu begeben. Zu niedrige Versandkosten nähmen die Verlage laut Paul Bender entweder aus Unwissenheit oder wegen des Marketing-Effekts in Kauf. Günstiger würde es nur für Verlage, mit Firmensitz oder Zweigstelle in der EU. Greater than Games zähle sich zu denen, die den Marketing-Effekt nutzen. Im Artikel wird es meinem Empfinden nach so dargestellt, als verdiene kein Amerikanischer Verlag irgendwas an Spielen, die in die EU verschickt werden und man solle doch froh sein, dass überhaupt Versand in die EU angeboten wird. In dem Kommentaren gibt Greater than Games die tatsächlich anfallenden Versandkosten sogar mit 70 bis 100 $ an, man habe bereits reduziert. Einige der anderen potentiellen EU-Unterstützer fand sich hier wohl auch nicht wirklich ernstgenommen und so bahnten sich Enttäuschung, Sarkasmus und Resignation ihren Weg in die Kommentare auf der Kickstarter-Seite der Kampagne.

EU-friendly trotz horrender Versandkosten?

Trotz allem bezeichnet sich die Kampagne als EU-friendly, was die EU-Unterstützer allerdings nicht so zu empfinden scheinen. Nach der Definition von Greater than Games bedeutet dies lediglich, dass Unterstützer in der EU nicht selbst verzollen müssen. Das stimmt so allerdings nicht ganz, denn der Begriff EU-friendly wurde durch Jamey Stegmaier von Stonemaier Games geprägt und definiert sich über zwei Bedingungen, von denen eine erfüllt sein muss (Quelle: Stonemaier Games):

  • Der Gesamtbetrag, der für die Belohnung durch einen Geldgeber (einschließlich Versand) bezahlt wird, muss weniger als 22 Euro betragen. Wenn das der Fall ist, spielt es keine Rolle, von wo versendet wird.
  • Die Belohnung wird als Fracht in ein Fulfilment Center in Europa ausgeliefert und von dort an europäische Geldgeber versendet. Wenn das der Fall ist, ist der Belohnungs-Preis nicht wichtig.

Punkt eins ist jedenfalls nicht erfüllt, da wir bei Pledge-Kosten plus Versand auf 108 $ kommen. Auch Punkt zwei scheint auf Legends of Sleepy Hollow nicht zuzutreffen, wie man aus dem Artikel von Paul Bender entnehmen konnte, haben sie sich ausgerechnet, dass das Versenden von nicht gefüllten Containern sich nicht rechnet und der Versand direkt aus den USA auf den gleichen Preis hinausläuft. Hier hat man sich also direkt gegen ein Fulfilment wie in Punkt zwei angegeben entschieden. Da beides nicht zutrifft ist die Kampagne also nicht EU-friendly im Sinne von Stonemaier Games. Die Übernahme der Zollkosten ist zwar ein wichtiger Teil, aber eben nicht alles, um von EU-friendly sprechen zu können.

Wie hoch sind die Versandkosten bei anderen Kickstarter-Spielen?

Nach der Lektüre all dieser Daten sagte mir mein Gefühl immer noch, dass die Rechnung von Dice Hate Me Games doch nicht ganz stimmen kann. Wir haben ja nicht zum ersten Mal ein Spiel bei Kickstarter unterstützt. Machen Verlage wirklich freiwillig Verluste beim Versenden? Ist Versand aus den USA vielleicht immer so teuer? Meinem Gedächtnis kann ich nicht trauen, also musste noch ein wenig Recherche her. Hier also die Statistik zu einigen Brettspielen bei Kickstarter, deren Preisen und den Versandkosten in die USA und die EU.

SpieltitelVerlagStammsitzPreis KickstarterVersand USVersand EU
Alle genannten Werte stammen von der Kickstarter-Seite des jeweiligen Projekts.
Spirit IslandGreater than GamesUSA49 $9 $35 $
ScytheStegmeier GamesUSA59 $0 $ 21 $
TsukuyumiKing Racoon GamesDeutschland59 EUR17 EUR11 EUR
Evolution ClimateNorth Star GamesUSA55 $5 $5 - 10 $
ConanMonolith Games LLCFrankreich90 $22 $22 $
Raiders of the North SeaGarphill GamesNeuseeland42 $0 $0 $
DownfallTasty Minstrel GamesUSA60 $5 $18 $
Legends of Sleepy HollowDice Hate Me Games (Greater than Games)USA69 $0 $39 $

Bis auf Greater than Games scheinen es alle Verlage irgendwie zu schaffen, ihre Versandkosten niedriger zu halten. Gerade in Relation sollten viele der genannten Spiele deutlich schwerer sein und mehr Volumen aufweisen, als Legends of Sleepy Hollow. Irgendwo scheint es da eine Diskrepanz zu geben. Ich kann zwar die eingangs erwähnte Erklärung zu den hohen Versandkosten nachvollziehen, aber es will mir nicht in den Kopf, wieso es ein Verlag nicht schafft, Alternativen zu finden, die ihr Projekt EU-friendly machen, so viele andere aber schon. Wo ist da mein Denkfehler? Im Preis des Spiels sind ja ebenfalls bereits ca. 10 $ Versandkosten enthalten, damit kostenloser Versand in die USA und nach Kanada angeboten werden kann, denn auch der ist nicht umsonst.

Ein Positiv-Beispiel von EU nach USA

Vor ein paar Wochen ergab sich für King Racoon Games eine die gleiche Problematik in umgekehrter Richtung: Potentielle Unterstützer von Tsukuyumi – Full Moon Down hatten auf die zu hohen Versandkosten in die USA hingewiesen. Die Macher von Tsukuyumi haben diese Kritik ernst genommen und waren sich sehr wohl bewusst, dass diese genauso wichtig für die Kampagne sind, wie die Unterstützer in der EU.

Für die Einfuhr der Fracht in die USA fallen zwar weniger Kosten an, als auf dem Weg von den USA in die EU, aber auf tatsächliche Werte kommt es mir hier nicht an. Man hat sich bei King Racoon Games die Nacht um die Ohren geschlagen, einen Haufen Mails geschrieben und schließlich eine Lösung gefunden, wodurch die Kosten von 34 EUR auf 17 EUR gesenkt werden konnten. Die Kritik der Kickstarter-Unterstützer wurde ernst genommen und es wurde entsprechend reagiert und auch kommuniziert. Umgekehrt scheint das nicht so selbstverständlich zu sein.

Und die Moral von der Geschichte

Das ist jetzt ein längerer Artikel geworden, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Viel schlauer bin ich auch nicht geworden und ein gewisser Restärger ist noch immer vorhanden. Aber vielleicht habt ihr ja noch ein paar Gedanken zum Thema Versandkosten bei Kickstarter. Welche Erfahrungen habt ihr da schon gemacht? Sind die Versandkosten ein Punkt, den ihr beim Unterstützen von Projekten beachtet? Ich für meinen Fall habe mich gegen das Projekt entschieden und das liegt nicht unbedingt am Spiel selbst, denn auf die Story hinter Legends of Sleepy Hollow habe ich mich gefreut. Was mich nicht freut ist der scheinbare Unwille, eine Lösung für das Anliegen der EU-Unterstützer zu finden. Das kann jetzt sehr subjektiv sein, ist bei mir aber definitiv so angekommen.

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