Im Schatten der Pagode - Rezension

Im Schatten der Pagode – Wir haben den Dreh raus

Im Schatten der Pagode - Cover“Die Götter sind mir gnädig. Das Holz der Pagode ächzt und knarrt, als sie sich dreht. Es erscheint mir wie ein Traum und vielleicht ist es einer. Wer weiß schon, welche Kräfte in diesem von den Göttern bewohnten Gebäude verborgen liegen. Als ich am Morgen erwache, teilen mir meine Arbeiter mit, dass die ersehnten Lieferungen an Pflanzen und Stein eingetroffen sind. Ich mache mich sogleich an die Arbeit. Der Garten auf meiner Seite der Pagode ist an Pracht nicht zu übertreffen. Ich spüre während ich in der Erde wühle und die letzten Stauden einpflanze förmlich, wie die Götter mich für würdig erachten und meine Konkurrenten sich beschämt in den Schatten der Pagode zurückziehen.”

Wir diskutieren ja oft über Spiele, die eine gewisse Tischpräsenz haben, oder eben auch nicht. Im Schatten der Pagode – von Martin Doležal erschienen bei Board Game Circus – ist in jedem Fall ein Spiel, dem man dieselbe nicht absprechen kann. Eine beeindruckende drehbare Pagode ragt in der Tischmitte auf und diese war es auch, die unserer Tochter auf der SPIEL 2021 als Erstes ins Auge fiel. Und auch wir lassen uns natürlich gerne von einer schönen Optik an den Spieltisch locken. Wie uns der Rest des Spiels um die Gestaltung von Gärten im fernöstlichen Setting gefallen hat, erfahrt ihr in unserer Review.

Viel Spaß beim Lesen!

Göttliche Gunst im Garten

Four Gardens heißt das schicke Brettspiel im Original und so verwundert es auch nicht, dass hier Gärten gestaltet werden. Thematisch buhlen wir um die Gunst der vier Götter, denen zu Ehren die Pagode errichtet wurde, indem wir die schönsten Gärten zusammenstellen, denn – wer hätte es gedacht – nur eine*r am Tisch kann die Nachfolge der erkrankten Königin antreten. Und so ziehen wir Karten, sammeln Ressourcen von der Pagode, bauen damit Panorama-Karten, um damit schließlich in der Gunst der Götter zu steigen und damit über Sieg und Niederlage zu entscheiden.

Jedem seine Seite

Im Schatten der Pagode - Die PagodeDas Besondere dabei: Wir sitzen jeweils einer der vier Seiten des Pagoden-Turms zugewandt und haben so eine ganz eigene Perspektive auf den Pagodenturm und die darauf abgebildeten Ressourcen. Die möchten wir nämlich sammeln, um damit vor uns die besagten Gärten aus zwei- bis fünfteiligen Kartenpanoramen fertigzustellen. Das ist aber gar nicht so einfach, denn Lagerplatz ist knapp… sehr knapp.

Die Karten aus dem Kartenstapel sind nicht nur jeweils Teil eines Panoramas, denn das ist eigentlich die Kartenrückseite. Sie müssen zuvor auch gebaut werden und dafür benötigt es die auf der Vorderseite aufgedruckten Ressourcen. Davon gibt es vier verschiedene, nämlich Gras, Stein, Wasser und Holz, die sich wiederum jeweils auf einer Etage der Pagode befinden. Auf die vier Seiten einer Pagoden-Etage sind dann null, eine, zwei und drei Stück dieser Ressource abgebildet. Für das Einsammeln der Ressourcen müssen wir eine der möglichen Aktionen nutzen, die ebenfalls auf der Vorderseite der Karten zu finden sind. Echtes Multi-Use eben.

Jetzt geht’s rund mit der Pagode

Und da wird es noch mal knifflig. Bei der Sammel-Aktion ist auf der Karte immer eine Etage der Pagode dunkel hervorgehoben, die zuvor gedreht werden muss. Alle Etagen oberhalb drehen sich automatisch mit. Die Richtung kann man sich dabei aussuchen, es darf aber immer nur um eine Seite weiter gedreht werden. Das ist wichtig, denn daneben gibt ein Pfeil auch noch an, ob man die Ressourcen von oben oder von unten her einsammelt. Es kann nichts übersprungen werden und muss direkt ins Lager geräumt werden, das gerade mal vier Plätze groß ist. Ich sagte ja, der Platz ist knapp.
Im Schatten der Pagode - Karten
Es ist also doch wichtig, welche Karte man zum Sammeln von Ressourcen nutzt, auch wenn besonders in der ersten Partie kaum darauf geachtet wird, da das alles recht ähnlich aussieht. Aber wenn auf den zu bauenden Panorama-Karten kein Stein benötigt wird und ich von oben her einsammeln müsste, wo es gerade drei Steine auf meiner Seite gibt, ist das vielleicht nicht so klug. Zum Glück gibt es noch eine weitere Aktionsmöglichkeit auf allen Karten: Das Umverteilen der Ressourcen. Damit kann ich sowohl Ressourcen aus dem Lager auf meine Bauplätze schaffen, ich kann sie aber auch loswerden und zurück in den Vorrat legen.

Im Schatten der Pagode - bauen

Ein Panorama für die Götter

Aber das Bauen der Panoramen ist eigentlich die Nebensache. Das Hauen und Stechen findet auf der Gunst-Tafel statt. Immer wenn eine Panorama-Karte fertiggestellt wird, rückt mein Marker auf der Gunst-Leiste desjenigen Gottes vor, dessen Farbe auf der Panorama-Karte abgebildet ist. Wir machen also mit bestimmten Karten ganz bestimmte Götter sehr glücklich. Stelle ich eine zweite Karte im selben Panorama fertig, wird die Gunst der neuen Karte und der bereits vorhandenen auf der Gunst-Leiste abgetragen. Das kann dieselbe Gottheit sein, muss aber nicht.

Im Schatten der Pagode - Gunstleiste

Es versteht sich von selbst, dass es vorteilhaft ist, möglichst weit vorne auf den Gunstleisten zu sein. Noch kritischer wird es dadurch, dass ich, wenn ich über das obere Ende einer Leiste hinaus rutsche würde, die Wertungssteine der anderen Spieler*innen um ein Feld zurückbewege, statt selbst vorzurücken. Das geht so weit, dass gegnerische Spielsteine sogar komplett von der Leiste geschoben werden können. Neben der Ressourcen-Tauscherei muss ich also auch noch aufpassen, welche Panoramakarten ich baue, um nicht im Rennen um die Gunst einer Gottheit in die Röhre zu schauen.

Wieviele Karten dürfen es denn sein?

Alles in allem spielt sich Im Schatten der Pagode recht flüssig. Gerade in der ersten Partie lernt man so einige Aspekte kennen, auf die man achten muss, um nicht das Nachsehen zu haben. So bekomme ich zum Beispiel einen Bonus, sobald ich mit einem Panorama fertig bin, also alle dazugehörigen Karten gebaut habe. Da ist es natürlich verlockend, das zweiteilige Panorama zuerst anzugehen. Allerdings haben die Panoramen mit mehr Teilen den Vorteil, dass die Gunst auf den zuerst fertiggestellten Karten häufiger ausgelöst wird, ich also auf der Gunstleiste schneller vorankomme.

Im Schatten der Pagode - Panorama

Natürlich kommt es bei der Entscheidung, ob ich kleine oder größere Panoramen baue, auch darauf an, was gerade in der Auslage zu finden ist. Zum Glück gibt es alle benötigten Teile der Panoramen mehrfach im Kartenstapel, so dass ich es vermutlich irgendwann vervollständigen kann. Allerdings sehen alle Spieler*innen am Tisch, welche Panoramen ich gerade sammle und könnten mir (natürlich aus purer Bösartigkeit heraus) die entscheidenden Karten wegschnappen. Ob das passiert, hängt ganz klar von der Art von Gruppe ab, mit der ihr spielt. Bei uns ist so etwas normal, wir sind schließlich alle fies und hinterhältig. Aber hier muss ganz klar abgewägt werden, mit welchen Karten ich meine Hand am Ende meines Zuges wieder auf fünf Karten auffülle. Will ich in der nächsten Runde Ressourcen umverteilen, dann kann ich durchaus die Karte nehmen, die jemand anderem noch offensichtlich fehlt.

Ein Familienspiel? Oder etwa doch nicht?

Wie auch schon unserer Tochter wird es wohl vielen Spieler*innen gehen. Die ganze Gestaltung der Schachtel und der imposante und ungewöhnliche Turm schüren die Erwartungshaltung, dass hier ein ganz besonderes Familienspiel auf den Tisch kommt. Ab 10 Jahren steht auf der Schachtel, beste Voraussetzungen also, damit eine Familie damit Spaß haben kann.

Die Antwort darauf lautet Jein. Im Schatten der Pagode hat sehr überschaubare und einfache Mechaniken. Es gibt nur eine handvoll verschiedener Aktionen und die sind spätestens nach der ersten Partie auch schnell verinnerlicht. So weit stimmt das und mit dem Familienspiel. Jedoch trügt der Schein hier etwas. Neben den einfachen Grundmechaniken kommt nämlich noch die Verknappung hinzu. Jan beschwert sich ja in den Heavy Euro Games häufig über Verknappung und kann damit schlecht umgehen. Bei einem solchen Brettspiel erwartet man das aber ehrlich gesagt nicht anders. Im Schatten der Pagode dagegen täuscht mit der wunderschönen Optik ein wenig darüber hinweg, dass es hier ebenfalls knapp zugeht.

Im Schatten der Pagode - Ressourcen

Im Schatten der Pagode – Ein Rennen mit Bedenkzeit

Das Spielende wird eingeläutet, sobald jemand eine bestimmte Anzahl an Karten in seinem Garten fertig gebaut hat. Dadurch ist Im Schatten der Pagode eigentlich ein Rennspiel und jede Aktion bekommt Gewicht. Wenn ich auch nur die kleinste Ambition habe, gewinnen zu wollen, muss ich lernen, mit dieser Verknappung zurechtzukommen. Es muss geplant werden, ich muss abwägen, welche Karte aus der Auslage mir beim Drehen der Pagode am meisten bringt. Dann noch der Druck durch meine Mitspieler, die zwischen meinen Zügen die Pagode wieder verstellt haben und ich muss wieder von vorne denken. Das ist im Familiensegment schon eher eine ungewöhnliche Eigenschaft in Spielen und kann schon mal in einer Analyse-Paralyse enden. Daher würde ich es auch eher im oberen Familiensegment einordnen. Hier darf schon etwas mehr Erfahrung vorhanden sein und vor allem auch Frusttoleranz, wenn scheinbar mal wieder nichts zusammenpassen will oder man von der Gunstleiste gekickt wird.

Im Schatten der Pagode - Verpackung

Bei all der Kritik möchte ich jedoch betonen, dass uns Im Schatten der Pagode viel Spaß gemacht hat. Die schöne Optik der Pagode wird durch die hübschen Illustrationen der Panoramakarten noch getoppt. Das Inlay ist durchdacht und kommt sogar mit einem herausnehmbaren Tray für die Ressourcen daher. Es ist unerwartet knifflig, fast schon wie ein Puzzle, bei dem die Mitspieler*innen einem ständig die Teile woanders hinschieben. Für Kennerspieler eine schöne Abwechslung und für Familienspieler eine Herausforderung, um daran zu wachsen.


Euer Rating zu Im Schatten der Pagode


Darf ein Spiel mit einfachen Regeln auch nur eine einfache Komplexität haben?

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Im Schatten der Pagode ist auf Deutsch beim Board Game Circus erschienen.

Four Gardens (2020)
Spieler:
2 - 4
Dauer:
45 Min
Alter:
10+
BGG Rating:
7.32
Verlag:
Board Game Circus
BGG:

Für die Review stand uns ein Rezensionsexemplar zur Verfügung.

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