Fantastische Reiche – Für eine Hand voll Karten

Fantastische Reiche – Für eine Hand voll Karten

Fantastische Reiche - CoverSollte ich eine mächtige Armee aufstellen oder lieber versuchen, einen Zauberer in mein Reich zu holen, der den Drachen in Zaum hält? Mein Ziel ist klar: Mein Reich soll das mächtigste aller Zeiten werden. Aber es gibt so viele Möglichkeiten und ich muss schauen, welche Chancen sich mir bieten werden. Aber jede Chance ist auch gleichzeitig ein Risiko und ich habe nicht unendlich viel Zeit...

Eine Karte ziehen und eine Karte ausspielen, einfacher könnte der Grundmechanismus eines Kartenspiels eigentlich nicht sein. Genau dieses simple Prinzip nutzt Bruce Glassco auch für sein Spiel Fantastische Reiche, das auf Deutsch bei Strohmann Games erschienen ist. Ganz so trivial ist es jedoch nicht, was auch die Nominierung zum Kennerspiel des Jahres 2021 zeigt. Wir haben uns das Spiel um den Aufbau eines mächtigen Reiches genauer angeschaut und erklären euch, wieso es eindeutig in den Kennerspiel-Bereich gehört.

Viel Spaß beim Lesen!

Fantastische Reiche – Das schnelle Spiel für Zwischendurch

Nur sieben Karten, nicht mehr und nicht weniger, stehen euch in Fantastische Reiche zur Verfügung, um damit so viele Siegpunkte wie möglich zu erzielen. Ihr versucht über mehrere Runden hinweg, die Kartenhand, die euch am Anfang der Partie ausgeteilt wurde, zu verbessern, indem ihr entweder vom verdeckten Stapel oder aus der offenen Auslage neue Karten zieht. Habt ihr eine Karte gezogen, müsst ihr auch wieder eine eurer Karten in die Auslage zurücklegen, die dann den anderen Spielern zur Verfügung steht. Das Spiel endet sofort in dem Zug, in dem die zehnte Karte in die Auslage gelegt wird. Wenn also oft vom Nachziehstapel gezogen wird, ist eine Partie kürzer, als wenn häufig Karten genommen werden, die von anderen Spielern in die Auslage gelegt wurden. Bei der Spieldauer könnt ihr also mit einer gewissen Varianz rechnen, in der Regel kommt ihr aber auf 15 bis 20 Minuten pro Partie, was angenehm kurz ist und somit perfekt als Opener, Absacker oder einfach so für zwischendurch. Oder einfach den ganzen Abend lang.

Fantastische Reiche - 7 Handkarten

Die rechte Karte am rechten Ort

Wie kommt ihr aber nun an Punkte? Jede Karte hat zunächst mal einen Basiswert, über den allein kommt ihr aber nicht weit. Das eigentliche Herz des Spiels sind die Synergien der Karten untereinander. Jede Karte hat in seinem Beschreibungstext entweder einen Bonus oder eine Strafe oder sogar beides für andere Karten auf eurer Hand. Bonuspunkte gibt es zum Beispiel bei der Kombination mit bestimmten anderen Karten. Die Karten Schwert von Keth und Schild von Keth bringen z.B. jeweils 40 Bonuspunkte, wenn man sie zusammen auf der Hand hat. Strafen blockieren hingegen Karten, die dadurch keine Punkte einbringen. Das Kriegsschiff bringt euch zum Beispiel keine Punkte, wenn ihr nicht auch eine Flut-Karte auf der Hand habt. Irgendwie logisch, dass ein Schiff ohne Wasser eurer Reich nicht viel weiter bringt. Es gilt also im Prinzip, eine möglichst vorteilhafte Mischung an Karten auf der Hand zu haben, bei der möglichst wenig blockiert wird, die sich aber gegenseitig verstärken.

Insgesamt gibt es 53 verschiedene Karten. Eine überschaubare Anzahl, die ihr nach ein paar Partien alle kennt. Allerdings seht ihr während einer Partie nicht alle Karten. Welche Karten im Verlauf des Spiels überhaupt zur Auswahl stehen, ist genauso zufällig, wie die Karten, die ihr am Anfang auf die Hand bekommt. Zunächst seht ihr euch also eure Starthand an und schaut, welche davon schon gut zusammen passen und als Basis für eure finale Hand dienen können. Welche Karten braucht ihr gar nicht und könnt sie so ohne schlechtes Gewissen ablegen, wenn ihr eine besser passende Karte bekommt? Das zu entscheiden ist kein Problem, wenn ihr am Anfang zumindest ein paar zusammenpassende Karten auf der Hand habt. Schwieriger wird es, wenn so gar nichts zusammenpassen will.

Fantastische Reiche - 53 Karten

Von „Was soll ich denn damit?“…

Dann überkommt den ein oder anderen Spieler auch gerne einmal die berühmte Analyse-Paralyse. Im Grunde ist es aber durch die geringe Anzahl an Karten ein Glücksspiel. Lege ich eine bestimmte Karte ab, kann es gut sein, dass ich eine Runde später eine passende Karte von Nachziehstapel ziehe, meine abgelegte Karte von zuvor hat aber vielleicht schon ein Mitspieler genommen. Das macht es nun natürlich schwierig, denn ich weiß, dass die nachgezogene Karte für diesen Mitspieler ebenfalls höchst interessant sein könnte. Das sind Runden, in denen nichts funktioniert und alles nur einen noch besseren Zug für den nächsten Spieler vorbereitet.

…bis zu „Oh, was haben wir denn hier?“

Es gibt aber auch die Runden, in denen alles perfekt läuft. Dann schaffe ich es vielleicht, eine der besonders punkteträchtigen Kombinationen auf meine Hand zu bekommen. Die Kerze, das Buch der Veränderung und der Glockenturm bringen zusammen mit einem Zauberer schon 115 Bonuspunkte. Mit 200 bis 250 Punkten ist man in einer durchschnittlichen Partie bereits vorne mit dabei. Möglich sind aber deutlich mehr Punkte. Damit nicht alles komplett zufällig ist, sind auch drei verschiedene Joker enthalten. Das macht es etwas einfacher, bestimmte Voraussetzungen auf Karten zu erfüllen, da jede Karte einmalig ist. Gegen Ende der Partie wird es unter Umständen auch schwieriger, zu entscheiden, ob einem eine andere Karte noch ein paar mehr Punkte bringt, als diejenigen, die man bereits auf der Hand hat. Wer Spieler am Tisch hat, die hier bis ins letzte Detail rechnen, der kann sich auf eine gewisse Wartezeit einstellen.

Fantastische Reiche - Auslage

Ich in der Mitte zwischen beiden

Die meisten Runden liegen aber irgendwo dazwischen. Zwei bis drei der Startkarten funktionieren irgendwie einigermaßen gut zusammen und dann baut ihr darauf auf. Das Tolle an Fantastische Reiche sind die vielen Entscheidungen, die in jedem Zug zu treffen sind, trotz unvollständiger Informationen. Besonders in den ersten Partien fällt hier der Einstieg trotz der simplen Regeln nicht so leicht. Es ist mitunter nicht einfach, den Überblick über die teils komplexen Bedingungen zu behalten. Insbesondere bei den Blockaden haben wir erst einmal ein bis zwei Runden gebraucht, um sie zu verstehen. Da gibt man eine besonders komplizierte Karte vielleicht eher erst einmal ab und bedient sich bei den einfacheren. Mit mehr Erfahrung fällt aber auch der Überblick zunehmend leichter. Da die Runden so kurz sind, ist die Lernkurve hier auch erfreulich steil.

Am besten zu dreit

Werfen wir noch schnell einen Blick auf die angegebene Spielerzahl: Von zwei bis sechs soll es angeblich spielbar sein. Rechnen wir kurz nach und rufen uns in Erinnerung, dass die Partie schneller zu Ende sein kann, wenn immer vom Stapel gezogen wird, kann es bei voller Besetzung vorkommen, dass lediglich zwei Runden gespielt werden, bevor das Ende ausgelöst wird. Das ist zugegebener Maßen recht unwahrscheinlich, kann aber vorkommen. Noch dazu kommt, dass bei sechs Spielern bereits 42 Karten verteilt sind, also nur noch 11 im Stapel verbleiben. So sind zwar mehr Karten im Umlauf, es ist aber unwahrscheinlich, dass ich mehr davon zu sehen bekomme. Vermutlich wird davon ausgegangen, dass dann auch mehr aus der Mitte genommen wird, aber darauf kann man sich nicht verlassen. Empfehlen würde ich die volle Besetzung jedenfalls nicht.

Fantastische Reiche - Schachtel

Für zwei Spieler gibt es in der Anleitung zu Fantastische Reiche noch eine andere Variante, um den Einfluss der Startkarten zu vermindern. Hier wird mit Null Karten auf der Hand gestartet und ihr könnt entweder zwei Karten vom verdeckten Stapel ziehen oder eine aus der Auslage nehmen, bevor ihr eine Karte ablegt, bis ihr sieben Karten auf der Hand habt. Auch endet die Zweier-Partie erst bei 12 ausliegenden Karten. Diese Variante gefällt mir besonders gut, da man beim verdeckten Nachziehen ein wenig mehr Auswahl bekommt und so auch bei zwei Spielern mehr Karten in Umlauf kommen. So liegt unser Wohlfühlbereich auch bei 2 bis 4 Spielern, mehr machen das Spiel nicht unbedingt besser, auch wenn es rechnerisch machbar ist.

Viel Wert auf die Wertung

Jetzt muss ich noch ein paar Worte zur Wertung verlieren. Die ist schon etwas knifflig, da ja keine der Bedingungen vergessen oder übersehen werden darf, um einen korrekten Wert zu erhalten. Erfreulicherweise gibt es hierfür eine Wertungshilfe innerhalb der kostenlosen WizKids Games Companion App (Google Play StoreApple App Store). Ihr könnt sogar Deutsch als Sprache auswählen. In der App zieht ihr euch am Ende des Spiels einfach die Karten eurer Hand aus der Auswahl nach unten und bekommt eure Punktzahl ausgerechnet. Auch Joker-Karten sind gut umgesetzt, mit denen ihr bestimmte Aspekte einer anderen Karte kopieren könnt. Die App wird außerdem sehr gut gewartet, da der Entwickler auch auf BGG aktiv ist und dort auf gemeldete Probleme schnell reagiert. Wer gerne rumprobiert, kann natürlich auch in der App versuchen, die höchsten Punktzahlen durch Kombinationen zu finden. Aber ohne Mitspieler ist das auf Dauer wohl zu langweilig. Super funktioniert die App auch, wenn man sich bei einer bestimmten Karte nicht sicher ist, wie genau sie funktioniert. Hier kann man sehr schön testen, was in der Kombination mit anderen Karten passiert.

Fantastische Reiche - App

Wirklich Fantastisch, diese Reiche

Fantastische Reiche war einer dieser Spiele, die wir erst einmal vor uns hergeschoben haben. Während der Pandemie waren wir ja sowieso nur zu zweit am Spieltisch und online spielen war nicht so unser Ding. Daher mussten wir nach der Nominierung zum Kennerspiel des Jahres 2021 natürlich etwas an dieser Situation ändern. Glücklicherweise zeigte sich auch Corona bei diesem Plan kooperativ und ließ die Zahlen sinken und die Anzahl der geimpften Personen steigen. So konnten wir auch ohne eigenes Exemplar im Regal nun einige Runden spielen und haben schnell gemerkt, wie süchtig das Spiel machen kann. Hier stimmt es wirklich, dass man, wenn es mal nicht so gut läuft, immer sofort eine weitere Partie spielen möchte. Ich möchte sehen, ob ich nicht doch mal eine Hand mit Flutkarten und Wetter zusammenstellen kann oder ob ich mit dem Juwel der Ordnung meine Straße zusammen bekomme. Auch die Jagd nach immer höheren Punktzahlen lässt einen immer weiter spielen. Das ist ein ähnlicher Sog, wie ihn auch Ganz schön Clever ausgeübt hat. Es steckt also wirklich viel Spiel in der kleinen Schachtel und Fantastische Reiche hat die Nominierung insbesondere als Kennerspiel redlich verdient.


Haben es Spiele von kleinen Verlagen heute leichter?

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Fantastische Reiche ist auf Deutsch bei Strohmann Games erschienen.

Fantasy Realms (2017)
Spieler:
3 - 6
Dauer:
20 Min
Alter:
14+
BGG Rating:
7.48
Verlag:
Strohmann Games, Wizkids
BGG:

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