Escapespiele – verpasste Chancen? – Teil 2

Escapespiele – verpasste Chancen? – Teil 2

EscapespieleIm ersten Teil des Artikels “Escapespiele – verpasste Chancen?” ging es um den Vergleich der einzelnen Escapespiele. Im zweiten Teil will ich nun einen genaueren Blick auf die Spiele werfen. Fast jedes kommt mit Appunterstützung daher, aber wie sinnvoll sind diese umgesetzt? Auch die verschiedenen Lösungsmechanismen und ihre Vor- und Nachteile werde ich näher betrachten.

Im letzten Abschnitt werfe ich dann meine hauseigene Glaskugel an und wage mal einen kleinen Blick in die Zukunft der Escapespiele.

Appsinn – Unterstützung an der richtigen Stelle

EscapespieleImmer wieder wird versucht, die digitale Welt mit der analogen Welt der Spiele zu verschmelzen. Die Qualität und Akzeptanz ist aber je nach Spiel mal mehr oder weniger erfolgreich. Bei dem Spiel Die Alchemisten klappte das ganz außergewöhnlich gut, die Ravensburger Smartplay Reihe hingegen ist schon wieder eingestampft. Also lohnt das Risiko auch bei einem neuen Genre? Zumindest bei Unlock! gingen die Space Cowboys das Risiko ein.

Die App ist dabei essentieller Bestandteil des Spiels. Ohne die App könnt ihr die Rätsel erst gar nicht lösen. Es gibt einfach keinen anderen Weg, um zu überprüfen, ob der Code stimmt oder nicht. Neben der reinen Code-Abfrage wird auch das Hilfe-System komplett über die App gesteuert. Für Spieler hat die App den Vorteil, dass zusätzliche Funktionen, eine bessere Hilfe oder vielleicht Druckfehler, ohne Probleme auch dann noch behoben werden können, wenn Unlock! schon lange produziert ist und sich auf dem Weg zum heimischen Spieltisch befindet.

Langsam versuchen die Space Cowboys, das neue Medium auch zu erweitern und mit ihm zu experimentieren. Ist die App in den ersten Abenteuern nur ein Countdown und Code-Überprüfer, nutzt ihr die App in weiteren Abenteuern aktiver, um Rätsel zu lösen.

Hier bin ich wirklich gespannt auf das, was hier kommen könnte. Die Möglichkeiten wären hier ja geradezu unerschöpflich. Ein Memory gesteuert über die App oder kleine Geschicklichkeitstest, zum Beispiel das Smartphone oder Tablet über eine gewisse Zeit zu balancieren, könnten jetzt schon simpel integriert werden. Auch extra Bluetooth Gimmicks könnten ganze neue interaktive Wege beschreiten. Der Fantasie sind fast schon keine Grenzen gesetzt.

Appwahnsinn – von schlecht umgesetzt bis überflüssig

EscapespieleAuch die anderen Escapespiele kommen mittlerweile mit Appunterstützung daher. Ausnahmen bilden Escape The Room und Deckscape. Die Apps der anderen Spiele sind allerdings – aus Sicht eines Informatikers – mehr als nutzlos und scheinen nur den Drang zu befriedigen, mit Appunterstützung auf der Verpackung werben zu können. So stoppt bei EXIT! die App nur die Zeit und nimmt einem die Bewertung ab, was allerdings nicht sehr schwierig ist. Weiterhin spielt sie einen “thematischen” Soundtrack ab, der sich allerdings nur als Zusammensetzung von Hintergrundgeräuschen herausstellt. So versucht man wohl die fehlende Thematik durch die Eingangstexte wett zumachen.

Den gleichen Funktionsumfang bietet auch die App von Escape Room: Das Spiel. Braucht es für ein bisschen Hintergrundmusik wirklich eine App? Die Zeit kann man auch so schon stoppen und Playlists mit Hintergrundgeräuschen gibt es auf YouTube genug.

Für alle Apps gilt allerdings, dass sie teilweise ein störender Faktor sind. Ist man gerade am Rätsel lösen und das Handy/Tablet vibriert, weil eine neue Nachricht eingegangen ist, unterbricht dies die Immersion und vielleicht den Gedankengang, den ihr eben noch hattet. Sollte dann vielleicht noch jemand während einer Spielsitzung auf dem Handy anrufen, müssen die anderen Mitspieler mit diesem Übel dann leben.

Auch solltet ihr euch im Klaren sein, dass Unlock! nicht mehr spielbar ist, sollte aus irgendwelchen Gründen die App aus den entsprechenden Stores verschwinden oder nicht mehr lauffähig sein. Genauso seid ihr auch Opfer eventueller Fehler, die sich in die Software eingeschlichen haben.

Lösungsmechanismen – Der digitale Weg zum Ziel

Fast jedes Escapespiel hat seinen eigenen Lösungsmechanismus. So geht es , wie oben geschrieben, bei Unlock! nicht ohne die App. So können die Entwickler scheinbar aus einer unendlich großen Menge ihre Lösungen generieren. Selbst immer der gleiche Code wäre hier kein Problem. Und wenn sie wollten, könnten sie die App anpassen und einen anderen Lösungsmechanismus einbauen. Ein pures Ausprobieren der Lösung wird mit Zeitstrafen geahndet. Ihr müsst das Rätsel also wirklich lösen.

Anders sieht die Sache schon bei Escape Room: Das Spiel aus. Im Chrono-Decoder befinden sich festverdrahtet die Lösungen. Aus meiner Sicht gehen die Entwickler dabei einen relativ primitiven Weg. Anstatt einen Entscheidungsbaum zu nutzen, gibt es x-mal gültige Codes für den ersten von insgesamt drei Teilen, danach erwartet die Maschine einen gültigen Code für Teil zwei usw usw. Das Problem an diesem Mechanismus ist die Fehleranfälligkeit. So kann es passieren und ist auch schon passiert, dass die Lösung für den entsprechenden Teil des  Abenteuers falsch ist, aber durch den internen Lösungsmechanismus es doch ein positives Feedback gibt. Der Code wurde durch die interne Logik trotzdem akzeptiert. Das könnt ihr ganz einfach selbst zu Hause ausprobieren. Gebt einfach einen gültigen Code aus dem ersten Teil eines Abenteuers ein und danach den gültigen Code des zweiten Teil eines anderen Abenteuers.

Trotzdem gilt wie bei Unlock!: Pures Ausprobieren ist nicht sehr vielversprechend. Habt ihr nämlich einen Code falsch eingegeben, wird euch eine Minute abgezogen.

Lösungsmechanismen – Der analoge Weg zum Ziel

EscapespieleBei den EXIT! Spielen von Kosmos, sieht es auf den ersten Blick wie eine Zwei-Faktor-Überprüfung aus, dies ist aber nicht der Fall. Durch das Eingeben des Codes wird einem lediglich angezeigt, welche Karte ihr ziehen müsst. Auf dieser findet ihr dann die eigentlich Überprüfung statt. Leider ist dieses System anfällig für einen sogenannten Brute Force Angriff, ihr könnt durch wiederholtes Ausprobieren der Kombination die richtige Karte erraten.

Wer jetzt der Meinung ist, dass dies ja unrealistisch ist, dem sei ein Besuch in einem realen Escape Room empfohlen, denn hier versucht man so etwas schon einmal, um an die Lösung zu kommen. Oder noch schlimmer das Zahlenschloß springt auf, einfach nur weil ihr es wieder in den Ursprungs-Zustand versetzen wollt und dabei genau die richtige Position erwischt.

Noch simpler ist Deckscape. Der Mechanismus der hinter dem Spiel steht, besteht nur daraus, die Karte umzudrehen und zu schauen, ob ihr richtig lagt mit eurer Lösung oder eben nicht. Es gibt keinen zweiten Versuch, kein Überdenken der Lösung. Bei diesem System gibt es keinen objektiven Lösungsmechanismus. Und es könnte euch durchaus passieren, dass eine falsche Antwort, durch die Kommunikation am Spieltisch, dann doch noch zum richtigen Ergebnis gedeutet wird.

Eine Frage des Geldes – Was bleibt für die Verlage?

EscapespieleEines bleibt bei allen Escapespielen gleich: Ihr könnt sie nur einmal spielen. Habt ihr ein Abenteuer erst einmal geschafft, macht ein weiterer Durchlauf wenig Sinn. Also stellt sich schon die Frage, lohnt sich die Ausgabe für das Spiel? Diese Frage muss sich jeder selbst stellen und hier kann es keine allgemeine Antwort geben.

Viel interessanter ist allerdings die Frage: Lohnt sich der Verkauf der Escapespiele für den Verlag? Hier ist die Lage schon differenzierter. Im Schnitt kostet ein Abenteuer 10 bis 12 Euro. Da sollte für die Verlage ja einiges an Geld übrig bleiben, sollte man denken.

EXIT! ist das einzige Escapespiel, bei dem ihr die Materialen auch wirklich zerstört. Somit braucht jede Spielrunde, die ein solches Abenteuer spielen möchte, ein Exemplar und der Verlag setzt dadurch ein Escapespiel nach dem Anderen ab. Unterm Strich sollte der Kosmos Verlag damit also rein rechnerisch Gewinn machen. Nicht betrachtet wird dabei, die kleine Minderheit an Spielern, die das Rätselheft kopieren und dann mit der Kopie spielen.

Jetzt gibt es einige, die wahrscheinlich sagen: “Moment mal. bei Escape Room: Das Spiel zerstöre/ bemale ich auch Materialen.”. Dies stimmt natürlich, aber diese Materialen kann man nach seinem Abenteuer ausdrucken und es dadurch wieder in seinen Ursprungs-Zustand zurück versetzen. Dadurch zählt dieses Escapespiel zur gleichen Gruppe wie Deckscape und Unlock!. Diese Spiele könnt ihr weiter verleihen, verschenken oder verkaufen. Durch diesen Umstand entgeht dem Verlag natürlich Geld. Wie viel das genau ist, kann ich nur mutmaßen.

Aus der eigenen Erfahrung gesprochen, wurde unser gekauftes Deckscape bis jetzt von vier weiteren Gruppen gespielt. Ob diese nun das Spiel aber auch tatsächlich gekauft hätten, wenn wir es nicht schon gehabt hätten, steht auf einem anderen Blatt. Dies könnte allerdings auf lange Sicht dazu führen, dass einige Systeme wieder vom Markt verschwinden, da sie einfach nicht genug Gewinn abwerfen, um sich nach der Einführung selbst zu tragen.

Das Ende? – die Zukunft der Escapespiele

EscapespieleEscapespiele haben den Spielemarkt kräftig aufgemischt. Immer noch wird darüber diskutiert, ob diese Art von Spiele denn nun mehr Rätselspiel oder mehr Brettspiel sind oder etwas ganz Neues. Dass sie ihren Platz in der Gesellchafts-Spiele-Welt gefunden haben, ist unbestreitbar, denn sonst würde der Spielegigant Mattel nicht sein eigenes Spiel in den Wettbewerb schicken.

Ob sie sich allerdings langfristig halten können, muss sich noch zeigen. Im Moment scheint es zwar so, der Kunde ist aber auch wankelmütig und vielleicht will er irgendwann nicht mehr aus Räumen ausbrechen, sondern einbrechen. Auch kommt irgendwann der Punkt, an dem der Spieler einfach schon alles gesehen hat oder er adaptiert schon gelöste Rätsel. Deswegen greifen immer mehr Escapespiele auf eine Skala zur Bemessung der Schwierigkeit zurück, um alten Hasen und Neulingen zumindest einen optionalen Leitfaden an die Hand zu geben. Allerdings ist auch dieses System nicht ganz ausgereift, denn so sind Spiele die als leicht eingestuft werden, dann doch einen Tick zu schwer. Und Spiele die als schwer gekennzeichnet sind dann doch einen Tick zu leicht. Zu unterschiedlich sind unterm Strich dann doch die Lebenserfahrungen der einzelnen Spieler. Und die einzelnen Skalen sind auch untereinander nicht vergleichbar. Kosmos verwendet verschiedene Level, um ihre Escapespiele einzustufen. Bei Noris hingegen, wird eine Skala aus Sternen verwendet, wobei 5 Sterne für sehr schwer stehen und ein Stern für sehr leicht.

Aus meiner Sicht gibt es noch nicht DAS perfekte Escapespiel. Jedes hat seine Stärken und Schwächen. Wobei ich in letzter Zeit beobachte, dass die Schwächen der Systeme langsam ausgemerzt werden. Der Trend geht eindeutig in stärkere thematische Einbindungen. Die Story wird immer wichtiger. Das reine Auflisten von Rätseln bringt eben nicht mehr den WoW Effekt, den es noch am Anfang der Escapespiele gab.

Ich glaube es wird noch ein Escapespiel kommen, dass den Markt ordentlich umkrempeln wird. Vielleicht sogar, wenn man zwei Trends miteinander verbindet. Ein Legacy – Escapespiel ist schon ein nettes Gedankenexperiment: Ihr flüchtet aus einem Gefängnis und müsst euch Runde für Runde einem sich verändertem Spielplan stellen und dabei zusätzlich zu euren Spielzügen auch noch gemeinsam die Rätsel lösen, die eure Flucht verhindern.


Ihr könnt nicht genug von Escape-Spielen bekommen? Wir haben noch ein paar andere Artikel zum Thema geschrieben:

Im Vorgänger zu diesem Artikel Escapespiele – verpasste Chance Teil 1 werden die verschiedenen Reihen der Escape-Spiele miteinander verglichen. Die Übersicht der Escapespiele, die euch vorstellt, welche Escape-Spiele es überhaupt gibt oder unsere Rezension zu Deckscape bieten euch noch mehr Lesestoff zum Thema. Mittlerweile ist mit Escape Room Das Spiel – VR noch ein weiterer Titel hinzugekommen, den wir euch ebenfalls ausführlich vorstellen.

 

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